Die vergessene Küchenschublade

Die Ursache für meine nicht ganz freiwillige nächtliche Exkursion ins Abbruchhaus war – ein Sparschäler. Ein wenig Gruseln und Traurigkeit inklusive.

Langsam leben wir uns in unserem Zigeunerwagen ein. Das Aufräumen (Umzugschaos und Wasserschaden beseitigen) bedeutet viel Arbeit, aber wir sehen schon mehr Boden als unmittelbar nach unserem Umzug.

Die Tendenz zeigt also durchaus aufwärts. Doch noch ist nicht aller Überraschungen Abend.

Dann schäl ich mal rasch die Karotten …

Entgegen der Erwartungen einiger Nachbarn, dass wir in unserem Wohnwagen entweder nur Kaltes essen oder gar verhungern müssen, verfügen wir über eine kleine Küche und einen Glaskeramik-Herd mit zwei Platten.

Gestern Abend – es war der Jahreszeit entsprechend schon stockfinster – stand ich am Herd. Ich holte die Karotten aus dem Kühlschrank, langte in die Küchenschublade, um den Sparschäler hervorzunehmen … und stutzte.

Denn der Sparschäler war nicht da.

Ein unfreiwilliger Gang ins Abbruchhaus

Die Erkenntnis kam rasch: Oh nein, wir haben in unserer alten Küche vergessen, die Schublade mit den kleinen Küchenhelfern auszuräumen!

Also blieb mir nichts übrig, als dem schon halb abgerissenen Haus einen Besuch abzustatten – in der Hoffnung, dass die Bauleute die besagte Schublade nicht ausgeräumt hatten.

Da das von uns beauftragte Unternehmen kein Second-hand-Netzwerk betreibt und eher nach dem Hau-ruck-alles-muss-weg-in-die-richtige-Mulde-Prinzip arbeitet, bestand durchaus eine Chance.

Mit Birkenstocks durchs Ziegelscherbenfeld

Also packte ich einen Akku-Scheinwerfer, nahm eine Tasche und schlüpfte vor dem Zigeunerwagen in meine Birkenstocks. So machte ich mich auf den Weg.

Wer jetzt von wegen Baustellensicherheit die Augen verdreht: Ich gehöre (hoffentlich weiterhin) zu den Leuten, die sich beim Gehen nichts in ihre Gesundheitssandalen hineinladen. Zudem sind deren Sohlen sehr  widerstandsfähig gegenüber Nägeln und Scherben. Für mich hat das bei all den selbst gemachten Umbauarbeiten immer funktioniert.

Trotzdem war mir nicht ganz wohl. Rund um das Abbruchhaus erhoben sich Hügel aus zertrümmerten Ziegeln. Im Dunkeln nicht wirklich lustiges Terrain.

Halb abgerissenes Haus
Hier bin ich in der Nacht rein. Als Hausbesitzer darf man das. Ob man das auch tun sollte ist eine andere Frage.

Überall Wasser und Dreck

Nochmals in das Haus zu gehen war seltsam. Ich hatte mich innerlich verabschiedet, trotzdem kam mir der Gedanke: Oh je, wie siehst du aus?!

Wasser bedeckte als Seen die Böden, auf die wir immer achtgegeben hatten. Überall zogen sich schmutzige Fussspuren durch. Links von mir gähnte das schwarze Loch des Kellerabgangs.

Aber die Küchenschublade und ihr Inhalt waren noch da. Rasch warf ich alles in die Tasche und machte mich auf den Weg zurück, denn die Abmachung mit meinem Mann lautete: Bis dann und dann nicht zurück. -> Komm mich suchen.

Hätte ich das früher auch gemacht?

Ich bin froh, dass wir all den Kleinkram wieder haben, obwohl der grösste Teil so rasch als möglich in den Container eingelagert wird. Wenn man mal "seine" Küchenutensilien gefunden hat, verzichtet man nicht gern darauf.

Gleichzeitig wundere ich mich über mich selbst. Ich bin von Natur aus vorsichtig, auch weil ich mich nicht ärgern mag, wenn etwas passiert (unvorsichtig = nicht effizient). Ich fahre immer mit Helm Fahrrad, habe beim Handwerken eine sinnvolle Schutzausrüstung an … (Und nein, die Birkenstocks zählen nicht als Gegenargument.)

Seit wann schlendre ich ohne Helm in ein Abbruchhaus?