Leseprobe "In den Tiefen der Ewigkeit"

Buchcover "In den Tiefen der Ewigkeit" von Isa Day

_____________________________________

Isa Day

In den Tiefen der Ewigkeit

Der Weg des Heilers
Band 2

Roman

Pongü

_____________________________________

1. Auflage 2016

© 2016 Pongü Text & Design GmbH, Meilen, Schweiz

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: Pongü Text & Design GmbH

ISBN: 978-3-9524326-5-5 (eBook)
ISBN: 978-3-9524326-7-9 (Print)

_____________________________________

Inhaltsverzeichnis

Die Begegnung mit dem Drachen
Zur Burg der Geister
Neue Heilkräfte
Der erste Sonnenaufgang
Blutsmagie
Kriegsrat und Kriegserklärung
Das Land des Granatdrachens
Tjiarris Zauber
Mischas Kinder
Die Asche der Heimat
Fledermäuse und Höhenangst
Das Verstummen der Rufer
Gegen die Zeit
In Gegenwart der Ewigkeit
Das verbrannte Land
Heldengeschichten
Damions Geheimnis
Der Tod des Fremden
Erianns Schuld
Schöpfungsträume
Der Preis der Veränderung
Herrscher der Sijeridai
Der Schleier der Zukunft
Feuermale
Vorschau auf Band 3

_____________________________________

Die Begegnung mit dem Drachen

Das sterbende Land schien den Atem anzuhalten. Ein warmer toter Wind strich durch die zerzausten Wälder. Die Blüten der Bäume welkten. Ihre Blätter, die sonst violett, purpurn oder auch tiefblau leuchteten, waren von einer zähen Schicht Asche bedeckt.

Marcins Aufstieg zur Burg der Geister in den Ausläufern des Mondgebirges gestaltete sich beschwerlich. Die verbrannten Büsche verhielten sich wie stachelige Wächter. Jeder ihrer Äste schien darauf aus, seine Kleidung zu zerreissen oder ihn zu verletzen. Oft musste er einen Umweg gehen.

Marcin warf einen besorgten Blick zum Firmament, wo Millionen von Sternen um die Wette glitzerten, ganz so, als wäre nichts Schreckliches geschehen. Ihr Stand zeigte ihm, dass die Dunkelzeit bald zu Ende ging.

Rund um den Riss, der sich wie eine glühende Wunde über den Himmel zog, herrschte hektische Aktivität. Lichtgeister – Wesen, die wie Feuertropfen aussahen und Tod und Zerstörung brachten – huschten von einem Ende zum anderen. Mit jeder vergehenden Nacht wurden es mehr. Sie suchten nach einer Möglichkeit, wie sie den Riss öffnen und das Firmament endgültig aufbersten lassen konnten. Und dann würde das Land im Sonnenlicht verbrennen.

*Uns läuft die Zeit davon, Joshi*, sprach Marcin mit seinem Bruder über ihre Gedankenverbindung.

Joshi antwortete nicht. Sein Bewusstsein war dunkel und matt. Marcin fasste nach dem kleinen Körper, den er um seinen Hals gewickelt trug. Seine Hand traf auf weichen Pelz. Die Rippen hoben und senkten sich regelmässig, wenn auch schwach.

Marcin blinzelte die drohenden Tränen weg und kämpfte sich weiter den Hang hinauf. Er erreichte die Sturzhalde einer Gerölllawine. Die grosse Wunde im verwüsteten Wald ermöglichte einen verhältnismässig einfachen, aber sehr gefährlichen Aufstieg. Marcin suchte im trügerischen Gelände den direktesten Weg, während seine Muskeln bei jeder Bewegung protestierten. Überall steckten die Überreste zerborstener Bäume zwischen den grossen und kleinen Steinbrocken, manche kaum länger als Dornen und somit eine stetige Gefahr für Marcins nackte Füsse, andere so gross wie Speere, die jede falsche Bewegung zu seiner letzten machen konnten.

Fast hatte Marcin den Waldrand oberhalb der Abrissstelle erreicht, als ein Stolpern aus Unachtsamkeit ihn beinahe abstürzen liess. Der Blick in die Tiefe brachte ihn zur Besinnung.

Joshi und er waren beide völlig erschöpft. Er musste einen Unterschlupf für sie finden und darauf hoffen, dass das verletzte Land eine weitere Lichtzeit überstand.

Achtsam kletterte er aus dem Steilhang in Sicherheit und prüfte seine Umgebung. Erriada war stets ein harsches und gefährliches Land gewesen, seinen Bewohnern jedoch durchaus wohlgesinnt. Ein guter Unterschlupf liess sich immer finden, Nahrung für gewöhnlich auch. Und selbst nun, in der Zeit des Niedergangs, wurde Marcin nicht enttäuscht. Seine Sinne entdeckten nicht allzu weit entfernt eine unbewohnte Höhle.

Rasch eilte er den schroffen Hang weiter hinauf, die Äste des verbrannten Gestrüpps, die schmerzhaft an ihm und seiner Kleidung zerrten, ignorierend. Es war weiter, als er gedacht hatte. Über den Gipfeln des Mondgebirges ging der erste der Doppelmonde auf und die Sterne begannen im diffusen Dämmerlicht zu verblassen, als er den Eingang der Höhle erreichte.

Seine Sinne nahmen keine Gefahr wahr, so trat er wachsam in den schmalen Felsgang, der um mehrere Windungen in einen grosszügigen Innenraum führte. Hier konnte kein Sonnenstrahl eindringen. Und er roch reines Quellwasser.

Marcin suchte den Höhlenboden ab. Seine empfindlichen Augen durchdrangen die Dunkelheit mühelos. Bei der linken Wand entdeckte er eine sandige Stelle, die Joshi und ihm ein weiches Lager bieten würde.

Als er sich setzen wollte, brachte er es nicht fertig. Zu frisch war das Erlebnis im anderen Höhlensystem, als schreckliche Dinge sie verfolgt und ihnen Todesangst eingejagt hatten. Und dem schwachen Luftzug nach zu urteilen, war diese Höhle auch Teil eines Systems, möglicherweise sogar des gleichen. Wer wusste das schon?

Marcin liess eine Lichtflamme in seiner Hand entstehen – ein einfacher Zauber, den alle Angehörigen seines kleinen Volkes beherrschten – und platzierte sie in eine flache Senke im Felsboden. Dies wiederholte er, bis die sandige Fläche von einem Kreis aus Licht umgeben war. Als das seine Ängste nicht besänftigte, ging Marcin die Wände des Gewölbes ab und positionierte auch dort alle paar Schritte ein Licht.

Bald war die ganze Felskammer erleuchtet. Und tatsächlich gab es am hinteren Ende ein Becken mit Quellwasser und ein Gang führte weg in die Tiefen des Gebirges.

Marcin verweilte lange im Durchgang und witterte, horchte dann mit allen Sinnen. Das sterbende Land fühlte sich so fremd an, dass er nicht beurteilen konnte, ob Gefahr drohte. Er seufzte genervt. Am Wasserbecken wusch er sich die Asche vom Körper, soweit das unter den Umständen möglich war, und stillte seinen brennenden Durst.

Es tat unendlich gut sich zu setzen. Die Felswand in Marcins Rücken war glatt, bot eine angenehme Stütze und fühlte sich warm an.

Wie lange hielt er sich eigentlich schon auf den Beinen? Marcin versuchte nachzurechnen. Es mochten eineinhalb Nächte sein, vielleicht auch zwei. Auf jeden Fall viel zu lange ohne Schlaf.

Und was alles geschehen war!

Er löste sich Joshi vom Hals und bettete ihn in seine Arme. Um ihm nicht zur Last zu fallen, hatte sein Bruder sich in einen Irrfitz verwandelt: ein kleines Pelztier mit dem langen Körper einer zu mollig geratenen Schlange, einem altklugen Gesicht und Stummelbeinchen, das sich bevorzugt um den Hals oder die Extremitäten von Freund und Feind wickelte.

*Ausgerechnet die Gestalt des dämlichsten aller Viecher musstest du annehmen, nicht wahr, kleiner Bruder?* Marcin streichelte das weiche, fast weisse Fell.

Joshi reagierte nicht. Sein kleiner Körper fühlte sich völlig schlaff an, wie wenn er schon gestorben wäre.

Marcin konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten. So viele Jahre lang war er Anführer der Kinder gewesen und hatte sich keine Blösse gegeben. Doch hier, in der Einsamkeit der Höhle, wo ihm nur die Felsen zuhörten, gab er den Kampf auf. Er schmiegte seine Wange an Joshis pelzigen Kopf und liess den Tränen freien Lauf. Durch all das, was geschehen war, hatte er Wut und Verzweiflung längst hinter sich gelassen. Es gab nur noch die bittere Resignation der Niederlage.

Joshis Fell war schon ganz nass, als Marcin ein fragendes Gackern hörte. Er hob den Kopf. Neben ihm sassen Lotty und Sini, Joshis Irrfitzins, die ihn betreten anschauten. Rote Flecken zeigten sich in ihrem hellen Fell – beige bei Lotty und schneeweiss bei Sini – und es war mit Asche verschmiert.

Lotty stand an Marcin hoch, die Pfötchen auf seinem Oberarm, und schnupperte erst an seiner Wange, dann an Joshi, den er immer noch gegen seine Brust hielt. Sini, erst ein Baby und entsprechend klein, kletterte an ihrem Rückenfell hoch und versuchte es ihr gleichzutun.

Marcin untersuchte beide Tiere mit seiner freien Hand nach Verletzungen. Die roten Flecken hatten alle einen Grund, aber keine der Wunden schien ernst zu sein. Erleichtert atmete er auf und stutzte. «Wir haben euch ausserhalb der anderen Höhlen verloren, wo uns die Schatten jagten», sprach er mit sich selbst. «Wie konntet ihr uns in diesem verbrannten, stinkenden Land wiederfinden?»

Ein Windhauch brachte die Lichter zum Flackern.

«Ich habe sie hergebracht.»

Marcin hatte Überraschungen noch nie gemocht und todmüde, wie er war, fühlte er sich auch nicht in der Lage, mit einer weiteren umzugehen. Doch er musste. Er war der älteste der Arrya, ihr Anführer. Es war seine Pflicht.

Marcin schaute auf. In der Mitte der Höhle sass ein blauer Drache. Wie müde er wirklich war, merkte er daran, dass sich nicht einmal mehr Überraschung einstellte. Er musterte das eher kleine Tier. Es war vielleicht so gross wie ein Pferd, wenn auch anders proportioniert, und kauerte raubtiergleich auf allen vieren, den langen Schwanz elegant um sich geschlungen. Seine Schuppen schillerten wie blaue Juwelen und zeigten grün-goldene Reflexe. Seine Augen waren golden.

«Bist du Tjiarri?», fragte Marcin schliesslich.

«Ja.»

«Dann hast du schon mit Joshi und Tura, dem jüngsten von uns Kindern, gesprochen?»

«Nein.» Der Drache stiess eine kleine Flamme aus. «Ich habe in den vergangenen Jahrzehnten geschlafen und bin in der letzten Lichtzeit aufgewacht, als dieses Land fast von … finsteren Mächten zerrissen wurde.»

«Und Jenna starb.»

«Ja. Es tut mir sehr leid, dass ich Joshis Gefährtin nicht retten konnte.» Der Drache neigte den Kopf.

Marcin begann zu verstehen. «Du warst die neutrale, alte Präsenz, die Joshi gespürt hat, nicht wahr?»

Der Drache schlug mit dem Schwanz, dabei löschte er mehrere von Marcins Lichtern. «Oh, entschuldige.» Er hauchte auf den Boden und liess die Flammen wieder entstehen. «Ich war es, aber alt bin ich nur aus eurer Sicht. Aus Drachensicht bin ich nicht mehr als ein Kind. Solchen Kräften, wie sie dort am Werk waren, habe ich nichts entgegenzusetzen.»

«Weshalb bist du dann hier?» Marcin lehnte den Kopf gegen die Felswand zurück.

«Weil ich euch zumindest ein wenig helfen kann, wenn du erlaubst.»

«Wie?»

«Ich kann Joshi nicht heilen, aber ich kann ihm neue Kraft geben, so dass ihr die Burg der Asjadai erreicht.»

Die Müdigkeit machte Marcin langsam. «Die Burg der was?»

«Das Volk, das ihr Geister, weisse Schatten oder Weise nennt, bezeichnet sich selbst als Asjadai. Und ja, bevor du fragst, sie haben wirklich all die Jahre versucht, den Himmel zu heilen.»

«Wer sind dann unsere Feinde?»

«Das weiss ich nicht.»

Bisher hatte der Drache die Wahrheit gesagt. Nun wich er aus, doch war das relevant?

Marcin tat sich schwer damit, seine Gedanken in logische Bahnen zu zwingen. Er schaute zu den beiden Irrfitzins, die neben ihm sassen und den Drachen relativ entspannt beobachteten. Diese Plagegeister gehörten zu den grössten Feiglingen des Weltengefüges. Wenn sie keine Angst zeigten, bedeutete das etwas. Andererseits gehörten sie auch zu den dümmsten Tieren, die Marcin je untergekommen waren. Egal.

«Würdest du Joshi bitte helfen?», wandte er sich an den Drachen. «Mir geht es gut.»

Der Drache schnaubte. «Lügner.» Ohne Vorwarnung tauchte er Marcin und die drei Irrfitzins in eine matte, fast weisse Flamme, die er durch seine Nüstern ausstiess.

Marcin atmete überrascht ein. Das Feuerbad fühlte sich an, als würde reinste Kraft durch seine Adern fliessen, und die kühlen Flammen kitzelten auf der Haut. Auf den ersten folgte ein zweiter, längerer Stoss.

«Leg Joshi jetzt neben dich.»

Marcin gehorchte. Die kleine Irrfitzgestalt wurde undeutlich, so als würde sie an den Rändern ausfransen, dehnte sich dann langsam aus und wurde zu Joshi. Marcin hatte das Gesicht seines Bruders noch nie so abgezehrt gesehen.

Marcin fasste nach seiner Hand. Die schneeweissen Finger schlossen sich schwach um seine dunklen. Manchmal konnte er selbst kaum glauben, dass sie Brüder waren. Schon allein ihr Äusseres unterschied sich völlig, so wie wenn das gemeinsame Blut den grösstmöglichen Kontrast gesucht hätte.

Marcins Haut war blaugrau, ganz ähnlich der von Tieren mit dunklem Fell, seine Augen gelb und sein Kopfhaar lang und schwarz. Joshi andererseits schien ein Kind des Schnees. Seine Haare, die Jenna ihm bei ihrer Verbindung kurz geschnitten hatte, schimmerten weiss wie Sternenlicht, seine Haut war hell wie Milch und in seinen Augen spiegelten sich alle Farben der Wälder ihrer Heimat.

Tjiarri sandte ihnen zwei weitere Flammenstösse. Marcins Erschöpfung verschwand. Joshis bisher unruhige Atemzüge wurden gleichmässig.

Das Bewusstsein des Drachens tastete nach Joshi. Er schien zufrieden mit dem, was er fand, und wandte sich Marcin zu. «Erzählst du mir, was in diesem Land vorgeht und was ihr Menschen damit zu tun habt?»

Marcin wurde vorsichtig. «Du scheinst schon einiges zu wissen. Kannst du den Rest nicht einfach in meinem Geist lesen?»

«Möglicherweise. Aber der Geist ist in der Lage zu lügen. Wenn du hingegen das Gewesene für mich zusammenfasst, machen deine Gefühle die Erinnerungen wahr.» Die Worte mochten freundlich klingen. Sie enthielten auch eine Drohung. «Wie und wann seid ihr Menschen überhaupt hergekommen? Dieses Land war nie eure Heimat. Und fang am Anfang an, damit ich die Zusammenhänge verstehe.»

Marcin ignorierte den Drachen und hob Lotty in die Arme, damit sie sich nicht nach Irrfitzart um Joshis Hals wickelte. Anbetungsvoll schaute sie zu ihm auf und gackerte leise, während er ihre dichte Halskrause kraulte. Sini, das weit kleinere Tier, rollte sich auf seinen Beinen zusammen.

Die Stille in der Höhle wuchs.

«Du weisst schon, dass du längst an Altersschwäche gestorben sein wirst, bevor mir langweilig wird», sagte Tjiarri schliesslich flapsig.

Marcin musste grinsen, wurde dann wieder ernst. «Wie weiss ich, ob ich dir trauen kann?»

Als Antwort öffnete der Drache sein Bewusstsein und bot es ihm dar.

«Ich bin nicht Joshi noch habe ich seine Fähigkeiten. Ich bin sicher, du kannst mich problemlos täuschen», wehrte Marcin ab. Tjiarri mochte sich selbst als Kind bezeichnen, aber für einen Menschen war die Altehrwürdigkeit seines Geistes furchterregend.

*Hör auf dich klein zu machen*, schalt ihn der Drache in Gedanken. *Als Anführer hast du gute Instinkte. Also versuch es.*

Marcin liess sich darauf ein. Nachdem die erste Scheu überwunden war, erkannte er, dass Tjiarris Bewusstsein sich ähnlich anfühlte wie das der ältesten Bäume Erriadas. Es hatte seine Wurzeln tief in der Vergangenheit und setzte die Zukunft der Ewigkeit gleich. Sehr viele Bereiche davon waren abgesperrt, versteckt hinter undurchdringlichen Barrieren – die meisten vor Marcin, andere verbarg Tjiarri auch vor sich selbst. Der kleine Drache bewahrte viele Geheimnisse – und er hatte ein schlechtes Gewissen, doch ohne die Beimischung von Schuld. Die Angst vor Konsequenzen rang mit dem Entschluss, dass dieses Land nicht sterben durfte, und zu diesem Zweck war er bereit, sich auf die Menschen einzulassen.

*Weshalb brauchst du uns als Mittler? Du könntest selbst zu den Geistern gehen.*

*Das darf ich nicht. Die Vorsehung weist euch diese Rolle zu. Sie ist euer Schicksal.*

Marcin fasste einen Entschluss. Er trennte die Gedankenverbindung und besann sich auf das, was er über die Vergangenheit gelernt hatte, auch wenn es ihm sehr schwerfiel, die richtigen Worte zu finden. «All das Furchtbare, das letzte Nacht geschah, entstand in Auseinandersetzungen, die schon seit Generationen andauern. Und falls die Geister … die Asjadai wirklich versuchen den Himmel zu heilen, haben wir Menschen einen schrecklichen Fehler gemacht.»

Tjiarri sandte ihm einen beruhigenden Flammenstoss. «Erzähl einfach. Urteilen können wir später.»

Marcin gehorchte. «Soweit ich weiss, begann alles vor bald vier Jahrzehnten in Arriada, der alten Heimat von uns Menschen, als der Himmel aufbrach und das Land im tödlichen Sonnenlicht unterging. Ein Teil der Arrya – so nennen wir uns selbst – entkam der Vernichtung auf Schiffen, mit denen unser Volk durch das Weltengefüge irrte, immer auf der Suche nach einer neuen Heimat. Unter den Vertriebenen befand sich auch unsere Grossmutter, Eriann Artum aus der Familie der Ratgeber. Wer aus unserer Familie berufen wird, dient dem König der Arrya als Berater, Gewissen und Geschichtsschreiber. Entsprechend hat Eriann die Jahrzehnte dauernde Irrfahrt unseres Volkes ebenso verbittert wie detailliert in einer Chronik dokumentiert.»

Falls der Drache die Abneigung gegen seine Grossmutter in Marcins Worten hörte, so ging er nicht darauf ein. «Und nur Joshi kann in dieser Chronik lesen, weil er von Eriann in den Traditionen der Ratgeber ausgebildet wurde, nicht aber du.»

«Das ist richtig. Berufungen wie die unsere sind hoch selektiv und überspringen manchmal Generationen.»

Der Drache wiegte den Kopf hin und her. «Das erscheint wenig sinnvoll.»

«Traditionen müssen nicht sinnvoll sein. Sie sind einfach», fauchte Marcin.

«Das musst du mir nicht erklären. Ich kenne das sehr gut.»

Marcin wunderte sich, was der kleine Drache erlebt hatte, und fuhr ruhiger fort. «Die Suche der Arrya dauerte fast genau zwanzig Jahre. In keinem Land konnten sie bleiben, denn überall herrschte das für sie tödliche Sonnenlicht. Schliesslich erreichten sie durch einen seltsamen Zufall dieses Land. Wie in der alten Heimat schützt hier eine Kuppel aus Dunkelheit den Himmel und die Nächte unterteilen sich in eine Lichtzeit, während der man im sanften Licht der Doppelmonde arbeitet, und eine Dunkelzeit, in der Millionen Sterne am Firmament leuchten.»

Lotty in Marcins Armen rollte sich auf den Rücken und bot ihm ihr Bäuchlein dar. Er gehorchte der Aufforderung, äusserst aufmerksam beobachtet von Tjiarri.

«Doch dieses Land war schon bewohnt von einem distanzierten, vergeistigten Volk, das in einer grossen Burg aus weissem Stein lebte. Eriann in ihrer Funktion als weise Frau und Bewahrerin des Wissens der Arrya ging mit ihnen verhandeln und erreichte das ersehnte Ziel: Die Menschen durften bleiben. Aus Dankbarkeit benannten sie ihre neue Heimat Erriada, Erianns Land, und die Arrya machten sich daran, sich eine Zukunft zu erarbeiten. Sie schufen Baumwohnungen, um darin zu leben, lernten jagen und die reichen Gaben der endlosen Wälder zu nutzen. Frieden fanden sie jedoch nicht.»

Tjiarri hatte schon vorher unauffällig in seinen Gedanken gelauscht, dieses Mal versteckte er die Berührung seines Bewusstseins nicht. «Du liebst dieses Land und das Land liebt dich», stellte er erstaunt fest. Sein Blick ging zu Marcins Halsschmuck, einem Ast von Joshis Heilerbaum, der wie aus Metall gefertigt wirkte.

«Das Land liebt Joshi. Mich berücksichtigt es mit, wenn ich bei ihm bin.» Marcin tastete in Joshis Haaren und löste vorsichtig einige Ästchen daraus. «Sieh, es hängt ihm andauernd seine ganz eigenen Geschenke an. Manchmal sind es Ästchen wie jetzt, manchmal Blüten, Blätter oder Moos, die Jenna und ich … – die ich dann jeweils entferne.»

«Was geschah dann, Marcin», lenkte der Drache ihn von seiner Trauer ab. «Weshalb fand dein Volk keinen Frieden?»

«Ganz genau wissen wir Kinder das nicht. Wir haben nur Hinweise. So war Joshis und meine eigene Geburt ein Problem.»

Als Marcin erneut abbrach, erbarmte sich Tjiarri und suchte die Wahrheit in seinem Geist. «In den letzten Jahren der Suche kamen keine Kinder mehr zur Welt. Du wurdest vor achtzehn Jahren als erstes Kind in der neuen Heimat geboren. Ein Jahr darauf Joshi. Eure Mutter war Elyana Artum, Erianns Tochter, die bei Joshis Geburt starb. Und euer Vater …» Tjiarri stiess einen überraschten Flammenstoss aus.

«… war einer der Geister. Dabei hatte unsere Mutter bereits einen Gefährten unter den Menschen.»

Der Drache seufzte mitfühlend. «Das ist kompliziert.»

«Und war von beiden Völkern unerwünscht. Ein weiteres Problem lag offenbar darin, dass die Erwachsenen nicht vergessen konnten, dass die Arrya einst selbst ein hoch entwickeltes Volk waren. Ihnen passte es nicht, dass sie wie Tiere in den Wäldern hausten, während die Geister angeblich in ihrer Burg aus gesponnenem Mondlicht im Luxus lebten. Es kam zu Streit und Auseinandersetzungen, bis die Geister plötzlich vor sieben Jahren eingriffen und alle Erwachsenen wegbrachten und töteten.»

«Das ist nicht möglich, Marcin», widersprach der Drache schockiert.

Marcin verzog bitter das Gesicht. «Das ist sehr wohl möglich. Uns Kinder ignorierten sie und liessen uns völlig auf uns allein gestellt zurück – vierunddreissig Kinder im Alter zwischen wenigen Nächten und elf Jahren. Als Ältester übernahm ich damals die Rolle des Anführers.»

Marcin musste sich inzwischen nicht mehr zum Sprechen zwingen. Der Damm war gebrochen und das Erlebte musste raus. «Damals wob sich ein fremder Klang durch die Wälder Erriadas: Die Geister sangen plötzlich – unheilvolle Melodien, die wie eisige Finger nach uns griffen und uns in Angst und Schrecken versetzten. Und bald darauf öffnete sich der Himmel und Erriada brannte wie schon unsere alte Heimat im Sonnenlicht.» Marcin wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. «Joshi wurde damals ganz schrecklich verletzt. Du kannst die Verletzungen noch heute in seinem Geist sehen, wo sie als schwarze Ranken sein Bewusstsein ersticken und ihn langsam, aber unerbittlich töten.»

Der Drache richtete den Blick seiner beeindruckenden Augen auf Joshi. Er zuckte zurück und schnaubte schwarzen Rauch.

Marcin ignorierte die überraschend heftige Reaktion. «Zwar schloss sich der Riss am Firmament ebenso schnell wieder, aber danach war nichts mehr wie zuvor. Der Verlust unserer Eltern hatte dazu geführt, dass wir uns ganz eng zusammenschlossen. Wir taten alles gemeinsam und wir hatten fast alle unsere Gedanken untereinander verbunden. So konnten wir in diesem wilden Land überleben. Doch da war dieses Singen, das uns zu jeder Lichtzeit verfolgte, wohin wir auch gingen, manchmal leise, dann wieder lauter. Und wir wussten, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis wir wieder im Sonnenlicht brennen würden. Vielleicht als Konsequenz dieser Furcht sammelte sich über viele Wechsel der Jahreszeiten hinweg eine fremdartige Finsternis in Erriada und trieb einen Keil zwischen uns, bis Sinjhar Arreidas, der legitime Königssohn meines Volkes, sich gegen mich stellte. Er wollte handeln und rief auf zum Krieg gegen die Geister. Ich verfolgte einen Weg der Besonnenheit. Eins der ersten Opfer unserer Auseinandersetzung war Joshi, der als Ausgestossener unser Dorf verliess, um allein in den Ausläufern der Berge zu leben. Danach kam die Dunkelheit noch schneller. Wichtige Getreue wandten sich von mir ab. Sinjhar übernahm die Macht. Und dann begannen die Geister plötzlich auch noch zur Dunkelzeit zu singen und das Ergebnis kennst du: Der Himmel ist wiederholt für kurze Zeit aufgebrochen und abgrundtief Böses kam in dieses Land. Unsere letzten Nächte haben begonnen.»

Tjiarri schwieg. Marcin starrte ins Leere.

«Und doch bist du mit Joshi auf dem Weg zu den Asjadai», sagte der Drache plötzlich.

Marcin seufzte müde. «Joshi ist aufgrund von Erianns Chronik zu noch nie dagewesenen Einsichten gekommen: dass menschliche Familien, die von ausserhalb kamen, mit ihrer Magie den Himmel in der alten Heimat öffneten und dies später hier in Erriada wiederholten. Und dass die Geister seit vielen Jahren versuchen das drohende Verderben zu verhindern, was du vorhin bestätigt hast. Aber wer weiss? Ausser Joshi hat keins von uns Kindern je mit einem dieser fremdartigen Wesen gesprochen. Vielleicht töten sie uns, ohne uns anzuhören.»

Tjiarri nickte nachdenklich. «Wie kam es zu den Ereignissen der vergangenen Lichtzeit?»

Lotty in Marcins Armen protestierte mit einem leisen Quieken, als er sie unvermittelt zu fest drückte. «Entschuldige», flüsterte er und kraulte ihr Köpfchen.

Der Drache liess eine angemessene Zeitspanne verstreichen. «Marcin, ich weiss, dass du verstört und todtraurig bist. Aber bitte gib mir eine Chance.»

Marcin machte sich nicht mehr die Mühe, seine Tränen wegzuwischen. «Joshi half einer Frau der Asjadai, als Sinjhar sie gefangen nehmen wollte. Als Konsequenz für diesen Verrat flohen wir in die Höhlen, wo Joshi die Schuld der Menschen am Aufbrechen des Himmels erkannte. Als wir wieder aus dem Berg kamen, fanden wir das Land im Krieg vor. Es war ein einziges Durcheinander. Menschen und Geister wurden von drei weiteren Präsenzen beeinflusst und an der Nase herumgeführt. Eine dieser Präsenzen, die neutrale, warst du. Eine weitere war wahnsinnig und die dritte unbeschreiblich böse. Diese beiden griffen Joshi und seine Gefährtin Jenna, die einzige Heilerin unseres Volkes, an. Sie waren übermächtig. Weshalb sie am Ende nur Jenna und nicht auch Joshi und mich töteten, verstehe ich nicht. Und jetzt lass mich endlich in Ruhe.»

Ein langer Feuerstoss liess Marcin in den Sand sinken. Der zweite sandte ihn ins Vergessen.

Er erwachte von einem raspelnden Geräusch. Lotty war dabei, Sini vom Kopf bis zu den Pfötchen sauberzulecken, wie wenn er ihr eigenes Kind wäre. Auf beider Fell waren keine Blut- und Russflecken mehr zu sehen.

Marcin schaute neben sich. Joshi hatte die Augen geöffnet und erwiderte seinen Blick. Sie teilten eine liebevolle Berührung ihres Bewusstseins.

*Wie geht es dir?*, fragte Marcin über die Verbindung ihres Blutes, die selbst dem Drachen nicht zugänglich war.

*Ich habe einen allerletzten Aufschub erhalten.* Joshi stemmte sich ins Sitzen. «Danke, Tjiarri», wandte er sich an den Drachen, der sich in ihrer Nähe hingelegt hatte.

Marcin beneidete ihn um seine Kaltblütigkeit. Um Joshi zu erschrecken, brauchte es mehr als den ersten Drachen, den je ein Kind zu Gesicht bekommen hatte, und er hatte auch keine Probleme damit, Grenzen auszuloten und das Unmögliche zu denken.

«Draussen beginnt die Dunkelzeit. Ich habe euch so viel Lichtnahrung gegeben, wie eure Körper aufnehmen konnten. Ich hoffe, sie bringt euch sicher zur Burg.»

Marcin erhob sich und hielt Joshi die Hand hin, um ihm auf die Füsse zu helfen. Als Joshi sie ergriff, kamen ihm fast wieder die Tränen. Sein Bruder hatte stets darauf bestanden, unabhängig zu sein. Selbst nach seinen schwersten Verletzungen durch das Sonnenlicht, die ihn für lange Zeit zum Krüppel machten, hatte er sich selbständig Schritt um Schritt ein normales Leben zurückerkämpft. Wenn er jetzt Hilfe annahm, bedeutete das, dass er aufgegeben hatte und der Krankheit den Sieg überliess.

Joshi ging zu dem Drachen und streckte die Hände nach ihm aus. «Darf ich?»

Tjiarri nickte und bot ihm seinen Kopf dar. Joshi legte die Handflächen auf die Stelle, wo sich bei einem Menschen die Wangen befanden, und schloss die Augen. Marcin fühlte sein Staunen und seine Faszination für das fremde Wesen. Über ihre Gedankenverbindung erhaschte er Eindrücke der alten, machtvollen Präsenz.

«Du bist tatsächlich noch ein Drachenkind.» Joshi lächelte.

Tjiarri verbarg seine Augen hinter halb geschlossenen Lidern. «Ich kann dich trotzdem jederzeit rösten», drohte er.

Joshi lachte.

Tjiarri stupste ihn mit seiner langen Drachennase an. «Seid vorsichtig. Es sind finstere Mächte im Land unterwegs.

«Wir sehen uns vor. Kommst du, Marcin?»

Marcin wollte zu ihm gehen und wäre beim ersten Schritt fast der Länge nach hingeknallt. Weshalb merkte er es eigentlich nie? Hatten diese Viecher magische Fähigkeiten? Mit einem ärgerlichen Grollen wickelte er sich Lotty von den Fussknöcheln, wo sie es sich wie so oft heimlich als Fessel bequem gemacht hatte. Die Suche nach Sini blieb erfolglos.

Joshi deutete grinsend auf seinen Hals.

Marcin fasste an die Stelle und fand eine pelzige Halskette. «Deine Schosstiere sind eine Plage, kleiner Bruder.»

Joshis Heiterkeit verschwand wie weggefegt. «Bald sind sie das Einzige, was von mir übrig bleibt. Sie und deine Erinnerungen an mich.» Er ging zum Höhleneingang.

Marcin schaute ihm nach. Er wünschte sich nichts mehr, als seine dumme Bemerkung zurücknehmen zu können. Als er an Tjiarri vorbeiging, bedachte ihn der Drache mit einem sanften Flammenstoss. Trost und Verständnis vertrieben Marcins Traurigkeit.

«Danke.» Zögernd streckte er die Hand nach Tjiarri aus. Der Drache berührte sie kurz mit seinem Nasenrücken und schnaubte nochmals eine kleine Flamme seines besonderen Feuers darauf.

*Viel Kraft*, hörte Marcin Tjiarris Abschied in seinen Gedanken.

Zur Burg der Geister

Während der Lichtzeit hatte das Land erneut grossen Schaden genommen. Zwar war die allumfassende Zerstörung durch das Sonnenlicht bisher ausgeblieben, da der Riss am Himmel sich immer nur kurz und teilweise zur Schlafenszeit, wenn von der Sonne keine Gefahr drohte, geöffnet hatte. Doch die Lichtgeister, die durch das Land tobten, richteten mit jeder Nacht schlimmere Verwüstungen in den weiten Wäldern Erriadas an.

Marcin konnte den Anblick kaum ertragen. Auch die Tatsache, dass Joshi bereits oben am Abhang stand und in seiner Irrfitzgestalt interessiert auf ihn herabschaute, besserte seine Laune keineswegs. Lotty und Sini hingegen waren entzückt und versuchten dauernd, ihr Herrchen in spielerische Raufereien zu verwickeln.

*Weshalb gehen wir nicht einfach zum Tor und melden uns an*, schimpfte Marcin und kletterte einen weiteren scharfkantigen Felsen hinauf.

*Wenn wir uns am Tor zeigen, sind wir schneller tot oder im Kerker, als wir glauben. Hast du vergessen, was Sinjhar angerichtet hat, bevor wir eingreifen konnten?*

Marcin zog sich neben den drei Irrfitzins auf die Felsplattform hoch und schluckte. *Nein. Ich hoffe nur, die Weisen sind nicht nachtragend.*

*Wieso sollten sie auch? Wir haben sie ja nur mehrmals angegriffen und mindestens einen von ihnen schwer verletzt.*

Insgeheim musste Marcin ihm recht geben. Er hatte jedoch Mühe mit dem gehässigen Ton, den sein Bruder anschlug, und verbiss sich zuerst nur um des Friedens willen eine spitze Bemerkung. Dann erhaschte er plötzlich etwas in Joshis Gedanken.

*Joshi? Weshalb hast du plötzlich Angst vor dem Tod?*

Joshi in seiner Irrfitzgestalt tat, als hätte er ihn nicht gehört, und fuhr damit fort, die Umgebung zu mustern. Marcin wartete. Unvermittelt verwandelte sich sein Bruder in seine menschliche Gestalt zurück.

*Joshi?*

*Erinnerst du dich daran, wie es war zu jagen, als das Land noch glücklich war? Das Spiel der Verfolgung, der Konkurrenzkampf zwischen Jäger und Beute, wer schlauer war? Und am Ende das allumfassende, freudige Ja, mit dem das Tier seine Seele in die Ewigkeit zurückgab?*

Marcin nickte. Dieses Ja war der Grund gewesen, weshalb Joshi, der so tief mit dem Land und seinen Lebewesen verbunden war, überhaupt jagen und töten konnte.

*Bei Jenna kam dieses Ja nicht. Sie war zuerst ruhig, dann bekam sie Angst und als sie starb …* Joshi verschränkte die Arme vor der Brust und musste dreimal ansetzen, um fortzufahren. *Als ihre Seele aus ihrem Körper gerissen wurde, erlebte sie eine unfassbare Welle von Agonie und Terror. Ich könnte sie dich fühlen lassen, aber das möchte ich dir nicht antun, nicht einmal abgeschwächt. Stell dir einfach vor, du erlebst im Moment des Sterbens deine schlimmste Angst und dann noch weit mehr.»

Die Schilderung verursachte Marcin Gänsehaut auf dem ganzen Körper. Zitternd rieb er sich die Oberarme. *Hast du eine Erklärung dafür?*

*Nein.*

Joshi nahm wieder seine Irrfitzgestalt an. Stumm kletterten sie weiter, dem lauter und lauter werdenden Singen folgend.

Als nach dem beschwerlichen Aufstieg die Burg schliesslich vor ihnen lag, war alles andere vergessen. Marcin und Joshi staunten atemlos.

*Hast du schon einmal so etwas Schönes gesehen?*, fragte Marcin andächtig. *Die Wände sehen aus wie diese Lichtschale aus Alabaster, die Ellas Vater besass. Weisst du noch? Er hat sie uns einmal gezeigt. Sie schien von innen heraus zu leuchten.*

*Ja, ich erinnere mich. Interessant ist, dass diese Burg aus der Ferne viel wehrhafter erscheint als aus der Nähe. Von hier aus wirkt sie wie zur Freude ihres Besitzers erbaut, denn sie hat mehr Zinnen und Türmchen als ein Baum Blätter. Und mit all den Vorsprüngen und Verzierungen an den Aussenmauern dürfte sie sehr schwer zu verteidigen sein.*

*Gut für uns. Wo wollen wir raufklettern?*

Joshi verwandelte sich in einen Menschen zurück. *Gar nicht. Ich gehe, du bleibst hier.*

*Das wird nicht passieren, kleiner Bruder.*

Joshi seufzte. *Und wie willst du mich begleiten? Ich verwandle mich in eine Fledermaus und fliege zu den Zinnen hoch.*

*Zeig mir, wie Gestaltwandeln geht.*

*Aber sonst bist du gesund? Von einem Moment auf den anderen?*

*Bitte versuch es, Joshi. Ich lass dich nicht allein gehen, mal abgesehen davon, dass mein Hierbleiben wenig bringt. Ob ich im Sonnenlicht, durch das Böse, das in unsere Heimat eingedrungen ist, oder durch die Hand der Geister sterbe ist letztendlich egal.*

*Das ist leider richtig. Dann komm.* Joshi winkte Marcin, sich vor ihn hinzuknien, und legte ihm sanft die Fingerspitzen auf die Schläfen. *Konzentrier dich. Stell dir vor, du möchtest eine Lichtschale entzünden. Sammle die gleiche Energie in dir, doch begnüge dich nicht mit einer kleinen Flamme. Mach sie grösser und grösser, bis sie in dir brennt wie ein Leuchtfeuer.*

Marcin war erstaunt, wie leicht es ging. Er benötigte kaum Unterstützung und nur wenig Führung. Im Nu hatten sie seine Verwandlung zustande gebracht. Joshi ermahnte noch die Irrfitzins, brav zu sein und hier auf sie zu warten, dann wechselte auch er seine Gestalt und erhob sich in die Lüfte.

Etwas übermütig tat Marcin es ihm gleich. Fliegen wollte gelernt sein, wie er sogleich bemerkte. Sein Magen gewöhnte sich nur schwer an die Höhe und ruckartigen Flugbewegungen. Erst Joshis trockene Bemerkung, dass eine sich übergebende Fledermaus nicht gerade glaubwürdig aussah, brachte den gewünschten Erfolg. Sie erreichten die Dächer der Burg ohne Zwischenfall und liessen sich auf den Ziegeln eines Türmchens nieder.

Marcin musterte die Zinnen, die verlassen schienen. Konnte es wirklich sein, dass die Geister keine Wachen aufgestellt hatten? Fürchteten sie sich denn gar nicht vor den Menschen?

Joshi fing seine Gedanken auf. *Sieh dir die untersten Zinnen mal ganz genau an.*

Marcin starrte und zog plötzlich scharf die Luft zwischen seinen spitzen Zähnen ein. *Wie machen die das?*

*Sie haben Gewänder, die sich der Umgebung anpassen und mit ihr verschmelzen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie uns so über Jahre hinweg unbemerkt beobachten konnten.*

*Zweifellos. Offensichtlich haben sie aber in letzter Zeit in ihrer Wachsamkeit nachgelassen, sonst hätten sie Sinjhars Pläne rechtzeitig bemerkt. Was jetzt?*

*Flieg mir nach, Marcin. Ich habe eine ziemlich genaue Vorstellung, was ich suche.*

Sie trudelten in den Innenhof der Burg hinab. Etwa auf halber Distanz zum Boden schwenkte Joshi plötzlich scharf nach links und landete auf einem Fenstersims. *Ja, das entspricht in etwa meinen Vorstellungen.* Er musterte die Butzenscheiben interessiert.

Marcin bewunderte seine Zielstrebigkeit. Er selbst zitterte und konnte sich nur schwer konzentrieren. *Ich hasse dieses Singen.* Hier im Innenhof war es unglaublich laut und schien seine ganze Existenz zu erfüllen.

*Vergiss nicht, dass es unsere Rettung ist. Wenn die Weisen nicht schon seit Jahren singen würden, gäbe es Erriada bereits nicht mehr.* Joshi hakte sich mit einer Handkralle im Blei einer Butzenscheibe ein und zog.

*Was tust du? Solange wir in der Gestalt dieser kleinen Stinker stecken, können wir noch nicht einmal einen Grashalm knicken.*

Pling! Neben Joshi fiel eine farbige Glasscherbe auf das Sims. Das Singen war plötzlich nochmals lauter und überwältigender.

*Wie hast du das gemacht?*

Joshi grinste. Es wirkte auf seinem Fledermausgesicht nicht besonders vorteilhaft. *Vergiss nicht, ich kann zaubern.*

Sie quetschten sich durch das winzige Loch ins Innere der Burg.

Sogleich musste Marcin niesen. Der Raum schien seit Jahrhunderten nicht mehr in Gebrauch zu sein und alles, auch der Dreck auf dem Fenstersims, zeigte dies deutlich.

*Ieehhhh.* Marcin versuchte sich mit seinen überdimensionalen Flügeln Staub und anderes vom Leib zu wischen. *Ich hasse Spinnweben, ich hasse Rattendreck und vor allem hasse ich die Ratten selbst!* Er schnellte um die eigene Achse und spuckte dem Exemplar, das neugierig schnuppernd hinter ihm kauerte, ins Gesicht. Die Ratte gab Fersengeld.

*Jetzt hör schon auf zu spielen*, mahnte Joshi. Elegant verwandelte er sich in seine menschliche Gestalt zurück.

*Und ich?*, piepste Marcin in Gedanken vorwurfsvoll.

*Versuch es selbst.*

*Du hast gut reden. Dir macht ja nichts Angst. Selbst einen Drachen knuddelst du bei eurer ersten Begegnung.* Marcin fand ächzend zu seiner normalen Gestalt zurück. Er schaute sich um. *Hier ist es gemeingefährlich. Was ist, wenn wir uns in einem dieser riesigen Spinnennetze verfangen? Sieh nur, dort hat es eine Ansammlung von Fäden, die so dick ist wie mein Arm.*

Joshi sandte ihm eine begütigende Berührung seines Geistes.

Marcins rasender Herzschlag verlangsamte sich. Er atmete tief durch. *Entschuldige. Meine Abneigung gegen Unbekanntes macht mir das hier nicht gerade einfach.*

*Ich weiss.* Die Andeutung eines Lächelns erschien kurz auf Joshis Gesicht.

*Weshalb eigentlich haben wir unsere Kleider noch an, wenn wir uns aus der fremden Gestalt zurückverwandeln?*

Nun lachte Joshi lautlos. *Das willst du ausgerechnet jetzt wissen?*

*Es ist vielleicht unsere letzte Gelegenheit.* Marcin zuckte selbstironisch die Schultern. *Ausserdem habe ich dich so noch einmal lachen sehen. Diese Momente sind selten geworden.*

Joshi wurde ernst. *Zu selten. Und um deine Frage zu beantworten: Wenn wir die Gestalt wandeln, transformieren wir unsere gesamte Essenz. Wenn du in dem Moment etwas hältst oder an dir hast – ein Lebewesen wie Lotty oder auch einen Gegenstand wie eine Tasche zum Beerensammeln –, kommt das mit. Und bitte frag mich jetzt nicht, weshalb wir dann nicht auch die ganze Welt um uns oder das Gras unter unseren Füssen wandeln. Das weiss ich nicht.*

Der Moment der Leichtigkeit verging. Sie witterten und prüften wachsam ihre Umgebung. Wie Donnerhallen erfüllte das Echo des nimmer endenden Gesangs ihre Umgebung. Sie befanden sich in einem grossen Raum, der ausser vom Ungeziefer schon seit Urzeiten vergessen schien.

*Komm mit, aber steh nur auf die Balken, auf die auch ich trete.*

*Fallen?*, vermutete Marcin sogleich wieder das Schlimmste.

*Nein. Nur morsche Bretter.*

Langsam und umständlich bewegten sie sich zwischen Stützbalken und um löchrige verfallende Wände herum auf ein helles Oval zu, das vor ihnen im staubigen Zwielicht hing. Es war nur eines aus einer ganzen Reihe und schien zu einem verlassenen Gang zu gehören.

*Hast du eine Idee, wo wir sind?* Die Bretter waren wirklich morsch, wie Marcin entdeckte. Diese Burg musste uralt sein und gigantisch, wenn die Bewohner – immerhin ein ganzes Volk – einen weitläufigen Bereich so einfach aufgeben konnten.

*Ich vermute, wir befinden uns entweder über einem Saal, der für Versammlungen genutzt wird, oder aber über dem Thronsaal.*

Joshi erreichte das Oval aus Licht. Marcin befand sich nur einen Schritt hinter ihm. Der vermeintliche Gang entpuppte sich als verkleideter Wehrgang, der unmittelbar unter der Decke eines riesigen Raumes hing. Die hellen Ovale waren Fensteröffnungen, durch die man das Geschehen im Saal unten beobachten konnte.

Vorsichtig wie wilde Tiere nahmen sie jedes Detail ihrer Umgebung in sich auf. Marcin stellte interessante Dinge fest. Zum Beispiel erlaubte der Wehrgang einen direkten Blick auf den Thronsessel, der sich auf einer kleinen Empore befand. Im Moment war der Sitz verlassen, doch Wachen standen daneben, so konnte der Würdenträger nicht weit sein.

*Wozu diente der Gang? Und weshalb wird er heute nicht mehr gebraucht?* Marcin schaute einer weiteren Ratte nach.

*Ich glaube, dass hier in früheren Zeiten Wachen standen. Wenn ein Besucher sich vor dem König ungebührlich verhielt, hatte er einen Pfeil im Rücken.*

*Wie unzivilisiert.*

Joshi zuckte zusammen, als Marcin den alten Scherz unerwartet wieder einmal verwendete. «Wie unzivilisiert» war eine häufige Feststellung Erianns gewesen, denn obwohl für ein einst derart verwöhntes Wesen recht anpassungsfähig, hatte sie doch Mühe gezeigt, sich mit dem ursprünglichen Leben in Erriada anzufreunden. Vermutlich hatte sie am Ende der Suche doch immer eine freundliche Zivilisation gesehen, die die Wanderer aufnahm, und nicht ein barbarisches Land, dem man eine Existenz abringen musste. Oder sie machte bloss vom Recht aller Menschen Gebrauch, im Alter etwas zickig und seltsam zu werden.

*Was hast du jetzt vor?*, fragte Marcin, als er erkennen musste, dass Joshi nicht amüsiert war. Das Singen brandete gegen ihre Ohren und betäubte sie schier. Marcin war sich sicher, dass er demnächst aus seiner Haut fahren würde.

*Das.* Joshi schwang ein Bein durch die Fensteröffnung.

Mit einem Aufschrei versuchte Marcin ihn noch zu packen, doch er griff nur ins Leere und musste hilflos zuschauen, wie sein Bruder die vielen Mannshöhen zum Saalboden hinabstürzte. Es waren sicher fünf oder mehr. Bevor er es sich anders überlegen konnte, schloss er die Augen und folgte ihm. Wenn sie schon sterben mussten, dann gemeinsam.

Der Fall schien endlos. Marcin hatte Zeit zu beobachten, wie Joshi sich mit seiner Magie auffing und dann trotzdem mit einem Schmerzensschrei der Länge nach hinschlug. Geistesgegenwärtig imitierte er den Zauber seines Bruders und siehe da: Er konnte kontrolliert auf den Füssen landen.

Totenstille herrschte im Saal. Das Singen um sie herum war auf einen Schlag verstummt. Alle Augen fixierten die Eindringlinge. Ihr Ausdruck reichte von überrascht bis feindselig.

Joshi war dabei, sich mühevoll hochzustemmen. Marcin kauerte sich neben ihn hin. Gehetzt huschte sein Blick hin und her.

Eine Gestalt löste sich aus der Masse der Weisen. Mit einer herrischen Handbewegung winkte sie die bewaffneten Wachen zurück, die sie begleiten wollten.

«Ist es euch nicht genug, uns anzugreifen und zu verletzen? Müsst ihr jetzt auch noch in unsere Burg eindringen und unseren Frieden stören?», fragte der Mann mit den schwarzvioletten Haaren und hellgrünen Augen. Marcin hatte ihn schon einmal in Joshis Erinnerungen gesehen. Das war der König der Weisen. «Na los, sprecht! Oder seid ihr mit Stummheit geschlagen?»

Joshi quälte sich in eine kniende Position, kreuzte die Arme vor der Brust und neigte demütig den Kopf. Nach einem kurzen Moment des Zögerns tat Marcin es ihm gleich.

«Wir bitten um Verzeihung, Herr, für unser ungehöriges Eindringen», sprach Joshi. «Wir wählten diesen Weg, weil wir befürchteten, dass der Weg vor die Tore deiner Burg in deinem Kerker oder im Tod enden würde. Doch wir müssen unbedingt mit dir sprechen.»

«Und weshalb sollte ich dich anhören?»

«Weil ich vielleicht deinen Sohn heilen kann.»

Überrascht warf Marcin seinem Bruder einen Seitenblick zu. Joshis Gesicht war fast transparent. Man sah ihm an, dass ihm gar nicht wohl bei seinem Vorgehen war.

«Ist das eine Erpressung?», fragte der König scharf.

«Nein, Herr. Ich habe dein Leid gerade erst in deinen Gedanken gesehen. Ich habe sonst gar nichts anzubieten ausser der Bitte meines Volkes um Verzeihung und Gnade.»

Der König trat vor sie. Inzwischen brannten seine Augen wie grünes Feuer und seine Stimme hatte nochmals an Härte gewonnen. «Nach all dem, was passiert ist? Ihr habt mehrere meiner Männer schwer verletzt!»

Joshi wusste nicht mehr weiter.

Marcin erhob sich und legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. Jetzt war er dran. Wenn Joshi von ihren Vorfahren die Weisheit geerbt hatte, dann wusste Marcin um die Diplomatie und die Kunst der Rede. «Herr, bitte. Du hast deine Wut so lange bezähmt. Halte sie noch einen Augenblick länger unter Kontrolle und hör mir zu. Vielleicht sind meine Worte von Interesse für dich. Und wenn ich meinen Teil gesagt habe, kannst du mit uns tun, was du willst.»

Er wusste, dass er damit möglicherweise ihr Todesurteil aussprach.

[…]

Möchten Sie weiterlesen? "In den Tiefen der Ewigkeit" von Isa Day ist erhältlich als eBook für Kindle und Tolino auf allen wichtigen eBook-Plattformen sowie als Taschenbuch auf allen Amazon-Websites weltweit | Zur Produktseite bei Amazon.de

"In den Tiefen der Ewigkeit" von Isa Day bei Amazon.de bestellen