Leseprobe "Die Nacht des Vergessens: Tantans Geschichte"

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Isa Day

Die Nacht des Vergessens

Tantans Geschichte

Der Weg des Heilers
Band 4

 Roman

Pongü

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1. Auflage 2018

© 2018 Pongü Text & Design GmbH, Meilen, Schweiz

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: L1graphics
Bildquellen: Elena Schweitzer/Shutterstock.com und StonePictures/Shutterstock.com

ISBN 978-3-906868-05-9 (eBook)
ISBN 978-3-906868-06-6 (Print)

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Inhaltsverzeichnis

Was bisher geschah
Überlebensregeln
Das Privileg des Heilers
Erdmagie
Verblendung
Schadensbegrenzung
Die Moral der Geschichte
Gerüchte
Zeugen der Vergangenheit
Erstes Blut
Der Mordanschlag
Die letzte Frostzeit
Gefühlswirren
Das Ende der Kindheit
Zur Höhle des Drachens
Die Nacht des Vergessens
Epilog

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Was bisher geschah

Fünf Jahre sind vergangen, seit die Drachen das Land vor dem Untergang bewahren mussten. Tantan und Niniuk, das Königspaar der Sijeridai, erwarten ihr zweites Kind. In die Freude mischt sich Sorge, weil die Zukunft ungewisser scheint als jemals zuvor.

Auf Bitte ihres Schwiegervaters Damion beginnt Tantan eines Nachts die Geschichte ihrer Kindheit zu erzählen –  wie es war, wissend geboren und dafür von den Erwachsenen gefürchtet zu werden, und welche Geheimnisse sie und ihre Freunde beim Herumstreifen in den wilden Wäldern Erriadas entdeckten.

Als es Zeit wird schlafen zu gehen, hat Tantan erst einen kleinen Teil ihrer Geschichte erzählt. Stillschweigend kommt die Familie überein, sich in der kommenden Dunkelzeit wieder zu treffen, um dem zweiten Teil der Erzählung zu lauschen.

Überlebensregeln

Innerhalb einer Nacht war das Land wie verwandelt. Gestern noch hatten die letzten Überbleibsel der Kaltzeit dominiert. Dann war der Regen gekommen. Ebenso sanft wie unerbittlich wusch er den letzten Schnee aus den versteckten Senken und reinigte die kahlen Äste der Wälder.

Seine zärtliche Berührung weckte das schlafende Land. Die farbenfrohen Blätter der Bäume begannen zu sprießen und die Gräser, die den Erdboden bedeckten, reckten ihre Halme hoffnungsvoll dem sanften Licht der Doppelmonde entgegen. Ein prachtvolles Tuch schien sich über die Wälder, Senken und Berge zu legen, das in allen Variationen von Blau, Purpur und Violett schimmerte. Nun dauerte es nicht mehr lange, bis die ersten Blüten erschienen und alles mit ihren leuchtenden Farbtupfern schmückten.

Tantan legte den Kopf in den Nacken und drehte sich voller Freude um ihre eigene Achse. «Siehst du? Wie ich es gesagt habe. Die Warmzeit hat begonnen!» Sie stieß einen leisen Freudenschrei aus.

Ihr Gefährte Niniuk beobachtete sie gleichzeitig amüsiert und aufmerksam. «Das ist ein Grund zu feiern. Meinst du nicht? Das und noch anderes.» Er nahm sie in die Arme und legte sanft seine Hand auf die Rundung ihres Bauches.

Tantan schmiegte sich lächelnd an ihn. «Wie wollen wir das tun? Als wir klein waren, rannten wir in diesen Nächten stets bis zum Umfallen durch die Wälder. So groß war unsere Freude, dass wir eine weitere Frostzeit überstanden hatten.»

Niniuk schmunzelte und küsste sie. «Herumrennen bis zum Umfallen ist im Moment keine Option. Und zum Glück bist du kein Kind mehr.»

Ihr Blick verfing sich in seinen strahlend blauen Augen. «Ja, zum Glück. Hast du noch mehr Küsse vorrätig?» Ihre Hand glitt unter sein Oberteil.

Er atmete hörbar ein. «Noch viel mehr», wisperte er und beugte den Kopf zu ihr, so dass sein fuchsfarbenes Haar über ihre Halsbeuge strich.

«Mama, Papa, ihr seid laaangweilig!»

Niniuk, der so tat, als hätte er die piepsig-quengelnde Stimme seines Sohnes nicht gehört, zog eine Braue hoch. «Weshalb haben wir nochmals Kinder?», wisperte er in Tantans Ohr.

Sie schnaubte amüsiert. «Weil wir viel zu verliebt sind?»

Er grinste, doch Tantan fühlte, wie dunkle Wolken durch sein Bewusstsein zogen. Die Zeugung von Daion war nicht ihre Entscheidung gewesen. Das Kind war entstanden in einer von mächtiger und altehrwürdiger Magie erfüllten Nacht, in der die Grundfesten des Weltengefüges erzitterten, Schicksalskarten neu gemischt wurden und sich das Gestern mit dem Morgen verband.

Und trotzdem war Daion ein ganz normales Kind. Schon seltsam, wie das Leben spielte.

«Mama?» Er hängte sich an den Saum ihres Oberteils und zog. «Hebst du mich hoch?»

Niniuk löste die kleinen Hände vom Stoff und ging vor seinem Sohn in die Knie. «Bist du mit fünf Jahren nicht etwas zu groß, um herumgetragen zu werden?»

Daion zog eine Schnute.

*Hoffentlich macht er das nicht zu oft. So sieht er aus wie ein hässlicher kleiner Dämon.*

Als Tantan Niniuks Gedanken in ihrem Geist hörte, schlug sie rasch die Hand vor den Mund und versuchte ihr Lachen hinter einem Husten zu verstecken. *Ich muss schon bitten, Liebster. Etwas mehr Ernsthaftigkeit bei der Erziehung des zukünftigen Königs der Sijeridai!*, gab sie gespielt ernst zurück.

Daions Schnute wurde schlimmer. «Ihr sprecht in Gedanken miteinander. Das ist auch langweilig», motzte er.

«Solltest du nicht eher froh sein, dass deine Mutter und ich uns so sehr lieben? Wie du weißt, geht es leider auch anders», erinnerte Niniuk ihn milde.

Daion starrte ihn missmutig an. Plötzlich schien ihm aufzugehen, was Niniuk meinte, und sein ärgerlicher Gesichtsausdruck verschwand. «Das stimmt», bestätigte er kleinlaut. «Wenn ihr streiten würdet, wäre das gar nicht schön. Aber müsst ihr die ganze Zeit schmusen? Ich dachte, wir wollten in den Wäldern spielen.»

Niniuk seufzte in Gedanken. *Woher hat er nur dieses Wort wieder? Ich nehme an, es ist zu früh ihm zu erklären, dass schmusen für Erwachsene das Gleiche ist wie spielen?*

Tantan gab ihrem Gefährten einen sanften Klaps auf den Kopf.

*Ich meine ja nur. Hoffentlich hat er bald eine Freundin.* Mit einem Lachen stand Niniuk blitzschnell auf, packte seinen Sohn und warf ihn hoch in die Luft.

Der Kleine jauchzte.

Niniuk fing ihn mit einem Ächzen wieder auf. «Bist du schwer. Oh, ich breche gleich zusammen.» Er torkelte mit dem Kind in den Armen über die Wiese, auf der das weißliche Gras sich leise im Wind wiegte. Dabei tat er immer wieder so, als würde er gleich umfallen, was Daion zu einem lauten Freudenschrei verleitete. Einige Vögel stoben aus ihren Verstecken in den dichten Baumkronen des Waldes auf.

«Was hatten wir abgemacht?», fragte Niniuk seinen kleinen Sohn ermahnend, während er ihn absetzte.

Daion schniefte. «Ich darf die Tiere nicht erschrecken.»

«Genau.»

«Ihr seid so doof!» Missmutig schlurfte Daion vor seinen Eltern her, die ihm Hand in Hand folgten.

Als sie schon fast das Ufer der Waldseen erreicht hatten, quiekte der Kleine unvermittelt und fiel um.

«Oh, die schwarzen Frösche sind schon wach.» Tantan packte ihren Sohn am Arm und stellte ihn wieder auf die nackten Füße. «Und wie lautet diese Regel, kleiner Mann?»

Daion verzog das Gesicht. «Ich soll schauen, wo ich hintrete, … weil mich ein Fehler in diesem Land das Leben kosten kann», fügte er nach Tantans ermahnendem Blick an.

«Was für Frösche?», machte Niniuk ihre Erziehungsmaßnahme zunichte.

Tantan unterdrückte ein Seufzen und zeigte auf etwas, das aussah wie ein dunkler Stein.

«Das ist ein Frosch?», fragten Vater und Sohn gleichzeitig und auch ein wenig ungläubig.

«Ich zeige es euch.» Tantan schaute sich um und fand einen kleinen Ast. Ganz vorsichtig schubste sie den vermeintlichen Stein damit an.

«Whoa!» Niniuk zog Daion weg, als der Frosch plötzlich auf die Größe eines Menschenkopfes anschwoll und sie mit seinen riesigen orangegelben Augen anstarrte.

«Ich will auch!», bestimmte das Kind. «Gib mir den Stock!»

«Dieser Frosch hat seine Ruhe verdient. Suchen wir einen anderen.»

Daion gehorchte ihr grummelnd, vergaß seine schlechte Laune aber angesichts der spannenden Jagd bald. Tantan musste ihn nur einmal darauf hinweisen, den Tieren den nötigen Respekt zu erweisen und sie nur sanft zu kitzeln.

«Der war fast so groß wie ein Wolf!», freute sich Daion über ein besonders prächtiges Exemplar.

Niniuk, der direkt am Wasser stand, winkte ihnen. «Das war noch gar nichts. Schaut hierher!»

«Nicht, Niniuk!», rief Tantan, als sie sah, was er anvisierte, aber da war es schon zu spät.

Sanft ließ er einen Halm Seegras über den Rücken eines besonders großen Tiers gleiten – und wurde im nächsten Moment in hohem Bogen in den See geschleudert. Sein entsetzter Aufschrei brach ab, als das Wasser über seinem Kopf zusammenschlug.

«Oh, Papa hat gewonnen. Sein Frosch war fast so groß wie ein kleiner Baum», kommentierte Daion, während Niniuk Wasser spuckend und mit den Armen rudernd aus dem See auftauchte. Aufgeregt hüpfte er von einem Fuß auf den anderen. «Komm, Mama, lass uns einen noch größeren suchen!»

Tantan grinste. «Ich denke, es ist Zeit für ein neues Spiel. Renn ein wenig mit Papa durch die Wälder, damit seine Kleider wieder trocknen. Du willst doch nicht, dass er sich erkältet.»

Niniuk wischte sich die klatschnassen Haarsträhnen aus dem Gesicht, deren sonst orangebrauner Farbton nun ganz dunkel war, und watete breitbeinig aus dem See. Er warf seiner Gefährtin einen leidenden Blick zu. Wie alle Asjadai hasste er Dreck und bei seinem unfreiwilligen Bad hatten seine Kleider einiges von dem Matsch abbekommen, der sich während der Frostzeit im See ablagerte und erst im Verlauf der Warmzeit wieder verschwand.

«Oh ja, Papa, lass uns rennen.»

Im milden Wetter ging es nicht lange, bis Niniuk wieder trocken war, auch wenn er immer wieder unbehaglich über die verschmutzten Stellen seiner Kleidung strich.

Für den Rest der Lichtzeit durchstreiften sie das Land und bewunderten seine aus dem Kälteschlaf erwachte Schönheit. Tantans Augen folgten ihrem Sohn, und sie beobachtete ihn gleichzeitig mit Stolz und Wehmut.

Ihre Gedanken gingen zu den Ereignissen in ihrer Jugend, von denen sie Niniuk und seinem Vater Damion in der vergangenen Dunkelzeit erzählt hatte. Zu jener schrecklichen, nicht enden wollenden Kaltzeit, als Marcin und Shijoshi Artum aus der Familie der Ratgeber vor lauter Verzweiflung aus ihrer Heimat fliehen wollten – und das Land sie mit ebenso großer Verzweiflung daran hinderte.

Mit fünf Jahren war Daion gleich alt wie Joshi damals, ein Jahr jünger als Marcin oder sie selbst es gewesen waren – und ganz anders. Er besaß nicht die Sensibilität für seine Umgebung, den Lebenshunger oder das Bewusstsein, das sie und die anderen Kinder der Arrya ausgezeichnet hatten. Dabei zeigte sein Blut als halb Mensch, halb Asjadai genau die gleiche Zusammensetzung wie Marcins und Joshis.

Mit der hereinbrechenden Dunkelzeit näherte sich ihr Ausflug seinem Ende. Während sie sich von Daion nach Hause führen ließen, neugierig, ob er den Weg wirklich schon selbst fand, nahm Niniuk ihre Hand. *Bist du enttäuscht?* Sanft wanden sich die Ausläufer seines Geistes durch ihre Gedanken.

*Nein, es ist, wie es ist. Ich frage mich nur manchmal, weshalb meine Freunde und ich so anders waren. Worin der Unterschied zwischen uns und ihm liegt. Ich würde gern verstehen.*

Niniuk hob ihre Hand zum Mund und streifte ihre Finger mit seinen Lippen. *Das Anderssein scheint individuell von Kind zu Kind. Denk an Alaris. Sie ist so wie du und die anderen Kinder der Arrya – und gleichzeitig noch so viel mehr. Möchtest du, dass unsere ungeborene Tochter wird wie sie?*

*Nein!* Tantan stieß den Atem aus und schaute ihren Gefährten entsetzt an. Alaris war die Tochter von Marcin und Tess, Niniuks jüngerer Schwester, und nur wenige Nächte jünger als Daion. Tantan hatte nie viel auf die Märchen von Dämonen und Wechselbälgern gegeben, aber wenn diese wirklich existierten, war dieses Kind einer. Alaris war wissend und im vollen Besitz ihrer Magie auf die Welt gekommen, und Marcin musste sich von Beginn weg alle Mühe geben, ihr einigermaßen Meister zu werden. Tess hingegen versuchte es erst gar nicht und lachte nur, wenn das Kind wieder einmal die gesamte Welt auf den Kopf stellte.

Niniuk schmunzelte. *Marcin wird sicher nie langweilig. Ganz im Gegensatz zu dir.* Sein Schmunzeln wurde zu einem anzüglichen Grinsen, während er Tantan an die vergangene Schlafenszeit erinnerte.

Ein wohliges Schaudern rann ihre Wirbelsäule entlang. *Das vielleicht nicht. Dafür besteht die Gefahr, dass Alaris ihm einen Herzinfarkt beschert, noch bevor sie zehn Jahre alt ist.*

Niniuk zuckte die Schultern. *Ja, das ist richtig. Offenbar hat Langeweile auch ihre Vorteile.* Seine Zähne blitzten im Zwielicht auf.

Tantan knuffte ihn in den Oberarm.

*He, du kannst nicht allzu viel Mitleid von mir für Marcin erwarten. Immerhin hast du mir gestern noch gesagt, dass du in ihn verliebt bist.*

*Ja, aber nicht so wie in dich. Marcin ist Teil meiner Jugend und meines Herzens. Du bist darüber hinaus Teil meiner Seele.*

Niniuk blieb mit ihr stehen und zog sie an sich. *Erzähl mir mehr*, forderte er sie verschmitzt auf, bevor er ihre Lippen mit seinen streichelte. Wie stets verloren sie sich in der Zärtlichkeit.

«Mamaaaa? Papaaaa?»

Tantan und Niniuk teilten einen letzten zärtlichen Kuss. Als sie sich Daion zuwandten, stand der mit in die Hüften gestützten Armen da.

«Könnt ihr euch vielleicht auf unseren Heimweg konzentrieren?», maulte er. «Falls es euch nicht aufgefallen ist, habe ich euch schon um mehrere Gefahren herumgeführt, so ein Rudel Wölfe, das dort drüben rastet. Weshalb muss ich die ganze Verantwortung allein tragen?»

Niniuk ging zu ihm und tätschelte seine Schulter. «Weil du es lernen musst und sehr gut machst. Ich bin sicher, du schaffst auch den Rest problemlos», sagte er salbungsvoll und zwinkerte Tantan heimlich zu. Er wusste ganz genau, dass sein Sohn diesen Tonfall nicht leiden konnte.

«Verliebte Eltern», grollte Daion denn auch und rollte mit den Augen.

«Vorlaute Kinder», parierte Niniuk. «Und jetzt vorwärts!»

Tantan verbarg ein Schmunzeln. Ihr Sohn mochte nicht wissend geboren worden sein, aber bezüglich Aufmüpfigkeit konnte er problemlos mit jedem Erwachsenen mithalten.

 

Nach Einbruch der Dunkelzeit kam Damion wieder zu ihnen in ihre Baumwohnung. Daion stürzte sich auf seinen Großvater und erzählte ihm von seinen Erlebnissen. Dabei sprach er so schnell, dass seine Worte kaum zu verstehen waren.

Der König der Asjadai hob das Kind hoch und hörte ihm lächelnd zu. Tantan fühlte, wie er sich gleichzeitig mit seinem Bewusstsein in Daions Erinnerungen einklinkte und der Erzählung anhand der Bilder darin folgte. Daion bemerkte nichts davon. Wie bei allen normalen Kindern lag sein Geist weit offen und verhielt sich völlig unkoordiniert. Oft hüpfte seine Aufmerksamkeit schneller von einem Thema zum nächsten, als man blinzeln konnte.

Niniuk zupfte verlegen an seiner frischen Kleidung und wich dem Blick seines Vaters aus, als die Rede auf seinen unfreiwilligen Taucher in die Waldseen kam.

«Und der Frosch war tatsächlich so groß wie ein Berg?», fragte Damion seinen Enkel lächelnd. Er strich ihm über das seidenweiche fuchsfarbene Haar, das noch leicht feucht war. Nach der Rückkehr hatte die Familie ein entspannendes Bad in den Höhlen der Asjadai genommen.

Daion nickte aufgeregt und begann zu strampeln. «Lass mich runter!»

Einmal abgesetzt, rannte er wie verrückt geworden durch die Baumwohnung und kicherte dabei.

Niniuk beobachtete das Kind aufmerksam. *Falls er seine ganz eigene Magie hat, dann ist das seine Unbeschwertheit. – Was denkst du? Wie lange geht es, bis er im Rennen einschläft und platt auf das Gesicht fällt?*

Tantan zog die Brauen hoch. *Gib ihm noch eine Runde.*

Es war Damion, der den Jungen schließlich auffing. «Von wem er das nur hat?», spottete er liebevoll, während er Daions schlaffen Körper auf seine Arme hob und sich mit ihm in den gleichen Sessel setzte wie in der Nacht zuvor.

«Du bist gestern ewig so mit ihm dagesessen. Wird er dir nicht zu schwer?», fragte Tantan. «So leicht ist er nicht mehr.»

Damion legte sich das Kind zurecht und küsste seinen Scheitel. «Nein, so leicht ist er nicht mehr, aber wunderbar warm. Und nicht mehr lange und er wird nicht mehr mit seinem alten Großvater kuscheln wollen. Also muss ich es noch genießen.»

Niniuk suchte Tantans Blick, während sie die Polster auf ihrer Bank richteten und Kräutertee in Becher schenkten. *Vater hätte gerne viel mehr Kinder gehabt, aber selbst wenn es geklappt hätte, gehört es sich bei den Asjadai nicht.*

Tantan warf einen raschen Seitenblick zu Damion hin. Wie alt mochte er sein? Sein Gesicht zeigte keine Falten, sein schwarzviolettes Haar keine weißen Strähnen, doch alterten Asjadai viel langsamer und weniger sichtbar als Menschen. Versunken in den Anblick seines Enkels bemerkte der König ihre Musterung nicht.

*Ist er denn zu alt, falls er es nochmals wagen möchte?*

Niniuk entzündete mit kleinen Handbewegungen die Lichtschalen und verteilte sie in die vorgesehenen Nischen. Sogleich übernahm der Baum das Leuchten und ließ das Holz seiner Wände sanft erstrahlen. *Nein. Sein Alter beträgt etwa einhundertzwölf Jahre. Das liegt im besten Mannesalter unseres Volkes, das sich über Jahrhunderte erstrecken kann. Viel wichtiger als der Körper ist der Verstand. Man wird alt und stirbt, wenn man sich dazu entscheidet. Die meisten von uns haben nach etwa zwei Jahrhunderten genug.*

Resolut verdrängte Tantan die Panik, die sie immer befiel, wenn die unterschiedliche Lebenserwartung ihrer beiden Völker zum Thema wurde.

*Ich kann mir nicht vorstellen, was geschehen muss, damit er sich nochmals verliebt. Mutter war sein Ein und Alles.*

«Auch wenn ich nicht verstehen kann, was ihr in Gedanken miteinander wispert, weiß ich doch, dass ich das Thema bin», ließ Damion sich plötzlich vernehmen. «Was möchtet ihr wissen?»

Tantan ging zu ihm und kniete sich neben seinen Sessel hin, um ihm die Hand auf das Knie zu legen. «Bitte entschuldige, Vater. Ich war neugierig und fragte Niniuk, was er denkt. Ob du dich irgendwann nochmals verlieben und vielleicht weitere Kinder haben wirst.»

Der König lächelte melancholisch. Er schien ihr die Frage nicht übel zu nehmen. «Dazu braucht es nicht nur den Willen, sondern auch die Gelegenheit, Tantan. Ob der Wille da wäre, weiß ich nicht. Die Gelegenheit fehlt auf jeden Fall.»

Was wollte er ihr damit sagen? Bei den Asjadai gab es jüngere und junge ungebundene Frauen, die von bezaubernder Schönheit waren. Konnte es wirklich sein, dass er darunter niemanden fand, der ihm gefiel?

«Die Mutter meiner Kinder war außergewöhnlich, Tochter. Und du weißt, was Isabel als Marschallin der Burg mir vorwarf, als der Streit zwischen unseren Völkern durch Alaris erneut eskalierte.»

Tantan verzog das Gesicht, als sie sich an die gehässigen Worte erinnerte.

«Ja, Isabel war sehr gemein und wollte mir wehtun, aber sie hatte auch recht. Zuneigung reicht mir in einer Beziehung nicht, obwohl mein Volk diese Emotion vorzieht. Wenn, dann muss es Liebe sein.»

Tantans Blick ging zu Niniuk, der schon auf der gepolsterten Bank saß und sie mit seinen strahlend blauen Augen beobachtete. Wie würde sein Blick sich ohne diese besondere Intensität anfühlen? Ohne das Prickeln in ihrer Magengrube, das sie regelmäßig überfiel?

«Ich habe mir das nie zuvor überlegt, aber ich denke, Zuneigung ergibt Freundschaft, Liebe hingegen so viel mehr», sagte sie, nahm einen Becher Kräutertee vom niedrigen Tisch zwischen den Sitzgelegenheiten und stellte ihn in Damions Reichweite. Dann erhob sie sich und setzte sich neben Niniuk in die Polster, um sich in seine Arme zu schmiegen.

«Erzählst du deine Geschichte weiter, Tochter?», bat Damion leise. Er mochte auf ihre Frage geantwortet haben, doch seine Augen waren trauriger als zuvor.

«Wollt ihr das wirklich? Ihr wisst, ich werde euch Kummer bereiten.» Sie nahm Niniuks Hand. «Und Eifersucht.»

Vater und Sohn tauschten einen Blick.

«Das ja, aber darüber hinaus wirst du uns zum Lachen und Staunen bringen», erwiderte Damion für beide. «Also bitte: Erzähl. Zog Joshi mit seiner Großmutter in die Hütte in den Hängen des Mondgebirges, wie der König der Arrya es verfügt hatte?»

Tantan schüttelte den Kopf. «So war es vorgesehen, doch dann kam es zuerst ganz anders.»

Das Privileg des Heilers

Die Erinnerung an jene eiskalten Nächte, als meine geliebten Freunde aus der Heimat fliehen wollten, Sinjhar und ich ihnen folgten und das Land uns aufhielt und gleichzeitig vor dem Erfrieren bewahrte, verfolgt mich immer noch bis in meine Albträume. Die bittere Kälte war allgegenwärtig und überwältigend. Sie drang in den Körper ein, setzte sich in den Knochen fest und legte sich wie ein eiserner Ring um die Brust, so dass jeder Atemzug zu einem schmerzhaften Überlebenskampf wurde.

Auch in unseren Baumwohnungen vor dem wärmsten Feuer bibberten wir weiter, denn unsere Bäume – unsere lieben Beschützer – konnten der Eiseskälte nichts entgegensetzen. Die normalen Wohnbäume waren in eine Art Koma gefallen, bis ihre Lebenskraft nur noch ganz schwach glomm. Als Sinjhar und ich etwas aus der verlassenen Baumwohnung unserer Familie holen wollten, erschreckten wir uns deswegen furchtbar, denn wir dachten zuerst, der Baum wäre gestorben.

Sinjhar zog damals seine Handschuhe aus und berührte die Wand mit beiden Händen. Sein Bewusstsein füllte sich mit Entsetzen, da das Holz sich aufgrund der Kälte wie Stein anfühlte und kälter schien als die Ewigkeit. Trotzdem suchte er nach der Lebenskraft des Baumes.

Er suchte und suchte, während seine Finger immer kälter wurden.

*Sini, deine Hände …*, versuchte ich ihn zu warnen. Er wollte nicht hören.

Plötzlich rempelte etwas unbeholfen unser Bewusstsein. Bilder, keine Worte, vielleicht ein Konzept. Gefahr … Schutz … Wie viel Kraft musste es den Baum gekostet haben, sich uns verständlich zu machen?

Ich zog Sinjhars durchgefrorene Hände von der Wand weg und schob sie unter meinen Schal an meinen nackten Hals. Ich schwöre, ich wurde damals eine ganze Handlänge kleiner, weil sich alles in mir zusammenzog. Meine Zähne begannen zu klappern.

*Au!*, beklagte sich Sinjhar, während brennender Schmerz durch sein Bewusstsein zuckte.

*Sini, der Baum lebt und er will, dass wir uns schützen.*

Wir kehrten zu Esrais Baumwohnung zurück, wo uns ein ähnlich trostloses Bild erwartete. Auch der Heilerbaum, dessen Magie und Lebenskraft so unglaublich stark waren, hatte vor der Kälte kapituliert. Sein Wasserbecken, das er in normalen Jahren stets angenehm für uns temperierte, blieb bitterkalt und dem Rand entlang bildete sich Eis. Rasch schlug ich die Augen nieder, damit ich diese furchterregenden Anzeichen nicht mehr sehen musste.

Doch alles geht irgendwann vorbei.

So schlimm jene andauernde Kälteperiode war, markierte sie doch das Ende jener so unglaublich harten Frostzeit. Als wir schon nicht mehr darauf zu hoffen wagten, begann der Regen zu fallen. Die Luft erwärmte sich und in den Wäldern erwachte das Leben neu.

Mir und meinen Freunden blieb keine Zeit unsere fehlgeschlagene Flucht zu bedauern. Auch die Strafe, die wir aus Sicht der Erwachsenen für unsere Handlungen sicher verdient hatten, blieb aus. Selbst eine einfache Standpauke gab es nicht.

Während das Land vor den Türen der Baumwohnungen ein Freudenfest feierte, ging der Überlebenskampf für unser vom Schicksal gebeuteltes Volk weiter. Die lange, bittere Kälte hatte die Arrya völlig ausgelaugt und ihrer Abwehrkräfte beraubt. Unter den Erwachsenen brach ein heftiges Fieber aus, das bald auch auf uns Kinder übergriff. Es verursachte brennende Hitze, füllte die Lungen mit Schleim und ließ die Lippen aufplatzen.

Die Krankheit verlief sehr heftig. Wer einmal krank war, musste ständig unter Aufsicht bleiben.

In der Zeit hatte niemand die Kraft, an unserem Wohnarrangement etwas zu ändern, das uns während der ungewöhnlichen Eiseskälte vor dem Erfrieren bewahrt hatte. Noch immer lebten wir Kinder alle bei Heiler Esrai in seiner Baumwohnung, gemeinsam mit Harra Sovhar – Marcins und Joshis menschlichem Vater. Die anderen Erwachsenen teilten sich einige wenige Baumwohnungen.

Alles in allem war es sehr eng und man hatte nie seine Ruhe. Irgendwo wisperte stets jemand, raschelte mit den Decken oder kämpfte mit dem quälenden Husten, den die Krankheit mit sich brachte.

Trotzdem genoss ich jeden einzelnen Moment. Ich liebte die Gegenwart der anderen Kinder – meiner Freunde, mit denen ich über unsere besondere Gedankenverbindung fast eins war – und der beiden erwachsenen Männer, die eine so tiefe gegenseitige Wertschätzung verband. Ihre Nähe gab mir Sicherheit. Zwar würde nichts je die Leere und die Selbstzweifel vertreiben können, die Sinjhars und mein Vater – der König der Arrya – in uns hinein gedroschen hatte. Aber in der Präsenz von geliebten Menschen spürte ich sie weniger.

Selbst unter den zerstrittenen Erwachsenen kehrte so etwas wie Frieden ein. Wie es in Notzeiten sein sollte, rückte die Gemeinschaft zusammen. Wer wieder oder noch halbwegs gesund war, pflegte die Kranken. Die Gesunden und Starken unter uns gingen auf die Jagd und besorgten Nahrung.

Sogar der König, der dieses Land zutiefst hasste und deshalb das Dorf mit unseren Baumwohnungen so selten wie möglich verließ, schulterte immer wieder seinen Speer und zog mit den Anyrais, den Jägern unseres Volkes, in die Wälder hinaus. Kehrte sein kleiner Trupp zurück, waren sie so schwer mit Beutetieren und anderen Vorräten beladen, dass sie kaum noch gehen konnten.

Mein Anteil an der zusätzlichen Verantwortung bestand darin, Heiler Esrai durch die Zubereitung einer Salbe zu unterstützen. Rieb man sie den Kranken auf die Brust, konnten sie den Schleim leichter abhusten.

«Wie viele Löffel vom Pulver des Heilerbaums muss ich abmessen?», wandte ich mich an Esrai. Wir saßen an dem großen Tisch mit all den seltsamen Apparaten in seiner Baumwohnung. Obwohl Esrai sonst immer stand, hatte er sich dieses Mal auf einen Stuhl gesetzt. Ich kniete auf einem Hocker neben ihm, da ich sonst immer noch zu klein war, um auf dem Tisch zu arbeiten.

Esrai röstete Kräuter in einer Glasschale, die von einem kleinen Lichtfeuer erhitzt wurde. Der dabei entstehende Geruch war sehr herb, aber irgendwie auch faszinierend. «Du hast die Salbe gestern schon hergestellt. Wie viele würdest du nehmen?», fragte er, ohne aufzuschauen.

«Wir machen heute die dreifache Menge. Also fünfzehn gestrichene Messlöffel?»

Er sandte mir ein kurzes Lächeln. «Genau.»

Während ich sorgfältig Löffel um Löffel abmaß und darauf achtete, mich nicht zu verzählen, wurde mein Herz immer schwerer. Ich half Esrai gerne, fand den Einblick in seine Berufung sogar zutiefst faszinierend, aber das war nicht mein Platz, sondern der seiner Enkelin Jenna.

Nur war Jenna krank.

Immer wieder schaute ich zu ihrer Koje in der Wand der Baumwohnung hin, zu der kleinen Gestalt unter all den Decken. Goldene Haarsträhnen schimmerten im sanften Glanz der Lichtschalen, wirkten aber nicht seidig wie sonst, sondern struppig. Jenna hatte ihre faszinierenden grünen Augen geschlossen, und jeder ihrer Atemzüge wurde von einem furchterregenden Rasseln begleitet, weswegen ich mir große Sorgen machte. Marcin und Joshi saßen neben ihr und wachten über ihren Schlaf.

Esrai, der erschöpft wirkte und dessen Hände zitterten, folgte meinem Blick und senkte rasch wieder den Kopf.

«Was ist?», fragte ich ihn ganz leise.

Er schaute mich an und ich fiel in den chaotischen Abgrund seiner dunklen Augen. Ich konnte nicht anders: Ich hob meine Hand und strich sanft über seine Wange. Fast wie Dornen kratzten die wirren Haare seines Barts unter meinen Fingerspitzen. Seine langen blonden Haare waren fettig und verklebt. Er roch auch nicht so gut und beruhigend wie sonst, sondern irgendwie ranzig. Und all das, obwohl er Haare und Körper vor dem Ankleiden sorgsam wie stets gewaschen hatte.

Die vergangene furchtbare Kaltzeit hatte dem Heiler alles abverlangt. Er hatte normalerweise viel von einem wilden Tier und verströmte eine unglaubliche Lebensenergie, die ihn ganz nahe am Wahnsinn balancieren ließ. Nun war er nur noch bis auf die Knochen erschöpft – und offenbar krank, denn seine Haut war ganz heiß.

Als meine Augen durch die Erkenntnis groß wurden, legte er rasch den Zeigefinger über die Lippen und schüttelte den Kopf. Wieder ging sein Blick zur leblosen Gestalt seiner Enkelin und den Artum-Brüdern. Etwas beunruhigte ihn zutiefst.

Ich respektierte seinen Wunsch, seine Krankheit zu ignorieren, und gab stattdessen meiner Neugier nach. Dazu musste ich mir etwas einfallen lassen. Wir Kinder verfügten alle über ein außerordentlich feines Gehör. Als ich vorhin mit Esrai die Ingredienzen für unsere Arbeit zusammengesucht hatte, entdeckte ich Kräuter, die von Schädlingen befallen waren, weil ich die Insekten in dem verschlossenen Glasgefäß rascheln hörte. Und Marcin und Joshi waren nochmals fähiger als ich.

Laut sprechen durfte ich also nicht. So tat ich etwas, was meines Wissens noch keins von uns Kindern zuvor getan hatte. Ich sprach direkt im Geist des Erwachsenen.

[…]

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