Leseprobe "Der verletzte Himmel"

Buchcover "Der verletzte Himmel" von Isa Day

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Isa Day

Der verletzte Himmel

Der Weg des Heilers
Band 1

Roman

Pongü

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1. Auflage 2016

© 2016 Pongü Text & Design GmbH, Meilen, Schweiz

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: Pongü Text & Design GmbH

ISBN: 978-3-9524326-4-8 (eBook)
ISBN: 978-3-9524326-6-2 (Druckausgabe)

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Inhaltsverzeichnis

Die Verbindung der Liebenden
Die Chronik der Ratgeberin
Die verwundete Heilerin
Des Königs Wahnsinn
Lebensstränge
Der Fluch der Berufung
Der knirschende Himmel
Rufer im Sturmwind
Die Saat des Hasses
Die Weisheit der Heiler
Ungleiche Zwillinge
Liebesbande
Lichtgeister
Die Beobachtung der Lehrerin
Unheimlicher Besuch
Die Frage der Aura
Eine andere Welt
Marcins Entscheidung
Joshis Verrat
In der Höhle des Drachens
Die Stunde der Erkenntnis
Königsbürde
Das Ende aller Träume
Joshis Plan
Vorschau auf «In den Tiefen der Ewigkeit»

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Die Verbindung der Liebenden

Im Alter von siebzig Jahren aus einem langen, erfüllten Leben zu scheiden schien fair. Mit siebzehn zu sterben war einfach nur grausam.

Joshi wartete, bis die brennenden Schmerzen in seinem Körper nachliessen. Mit jedem vergehenden Mond dauerte das Abebben länger. Seine Zeit auf dieser Welt ging zu Ende.

Endlich war der Anfall vorbei. Joshi seufzte. Sorgfältig prüfte er seine Umgebung mit allen Sinnen und löste sich aus dem Baum, der ihm Zuflucht gewährt hatte. Das Holz liess ihn nur ungern gehen. Die meisten Bäume von Erriada waren den Menschen freundlich gesinnt und dieser wollte helfen Joshis Pein zu lindern.

Leider war das unmöglich. Nichts und niemand war dazu in der Lage.

Mit einem einfachen Zauber hüllte sich Joshi in Schatten und nahm seinen Weg durch das Unterholz wieder auf. Die Nacht war mild. Der Wind spielte in den Blättern der Bäume und Büsche, die in allen Schattierungen von Violett, Purpur und Blau schimmerten, und trieb den Duft ihrer farbenfrohen Blütenpracht vor sich her. Bald würde die Lichtzeit zu Ende gehen und das bläulich-weiche Zwielicht von Erriadas Zwillingsmonden der Schwärze der Dunkelzeit und dem kalten Schein von Millionen Sternen weichen.

Joshi hielt inne und lauschte. Als Ausgestossener durfte er nicht riskieren, dass ihn jemand in der Nähe des Dorfes entdeckte. Unglücklicherweise half ihm sein Aussehen nicht, sich in den Schatten von Erriadas Wäldern zu verstecken.

Joshis hüftlanges Haar leuchtete so weiss wie Sternenlicht auf Schnee, seine fast transparente Haut war nur wenig dunkler – die Farbe von neuem Pergament. Nur seine Augen schienen zu diesem Land zu gehören. In ihnen fanden sich alle Farben des Blattwerks, so als würden sich Erriadas ewige Wälder darin spiegeln.

Eine Gruppe farbenfroh blühender Büsche zog Joshis Blick auf sich. In dem kurzen Moment der Unachtsamkeit blieb der Ärmel seines dunkelgrauen Oberteils an einem dornenbewehrten Ast hängen. Er verharrte und löste behutsam den Stoff.

Das Wissen der Spinn- und Webkunst war verloren gegangen, als die Geister die Erwachsenen geholt hatten – darunter Ilenia Bargas Mutter, welche aus der Familie der Weber stammte. Sie hatte gezögert ihre blinde Tochter in die Kunst ihres Handwerks einzuführen, wie die Tradition es verlangte. Seither bemühte sich Sara Patri, die letzte aus der Familie der Färber und Näher, die wenige erhaltene Stoffkleidung der Kinder zu bewahren und nähte und färbte sie immer wieder um.

Für Joshi hatte sie aus vielen einzelnen Stofffetzen das aschefarbene Oberteil und das Lendentuch gefertigt, die er gerade trug. Nicht mehr lange und er würde zu der verhassten Kleidung aus Leder wechseln müssen wie schon andere Kinder zuvor. Damit wurden sie dann endgültig zu Barbaren.

Aber vielleicht waren sie das auch schon. Aus Einsamkeit hatte Joshi einen Teil der Lichtzeit damit zugebracht, heimlich die Vorgänge im Dorf der Kinder zu beobachten und ihm war davon angst und bange geworden.

Joshi erreichte Jennas Behausung, die ein ganzes Stück ausserhalb des Dorfes lag. Es handelte sich um einen jahrtausendealten Heilerbaum von immensem Umfang. Nun, zum Höhepunkt der Warmzeit, bogen sich seine Äste unter der Last von unzähligen rosa Blütensternen bis zum Waldboden. In der Kaltzeit, wenn die Schneestürme an den Hängen des Mondgebirges fangen spielten, würde der Baum voller kleiner Früchte stehen. Richtig zubereitet ergaben sie einen wirkungsvollen Heiltrank gegen Fieber und Erkältungen.

Joshi prüfte ein letztes Mal seine Umgebung und ging dann zum Baum und legte die Handflächen auf die Borke des Stammes. Sogleich zog der Baum ihn ins Innere.

Jenna war so konzentriert darauf, Salbe in Tiegel abzufüllen, dass sie ihren Besucher zuerst gar nicht bemerkte. Sie stand neben der Feuerschale an ihrem grossen Tisch mit den Apparaturen, darunter ein Brenner zum Kochen von Salbe, ein Destilliergerät und eine grosse Presse. Entlang der Wände zogen sich Regale, auf denen sich Tiegel, Fläschchen und Tonbehälter aneinanderreihten. Ganz hinten in der Baumwohnung murmelte sanft das grosse Wasserbecken – eine Besonderheit der Heilerbäume. Darüber erhob sich Jennas Bett, ein rundes, weich gepolstertes Nest. Alle Möbelstücke waren direkt aus dem lebenden Holz des Baumes geformt.

Joshi öffnete den Schutzwall um seinen Geist.

Jenna schaute auf. Ihre grünen Augen begannen zu strahlen. «Joshi.» Sie eilte zu ihm und umarmte ihn. «Ich habe dich vermisst.»

Joshi genoss ihre Nähe, seine Hände auf ihren Schulterblättern, seine Wange in ihr langes blondes Haar geschmiegt. Jenna war so gross wie er und hatte den gleichen zerbrechlich wirkenden Körperbau, war dabei aber sehr stark.

Sie stützte ihn denn auch, als plötzlich eine dieser seltsamen schwarzen Wellen durch seinen Geist lief, die ihn taumeln und für Augenblicke die Orientierung verlieren liessen.

«Komm.» Sie führte ihn am Tisch und der Feuerschale vorbei zum grossen Wasserbecken, vor dem sich eine Art Bank aus dem Holzboden erhob.

Während sie sich darauf setzten, begann das Holz sich zu bewegen, formte eine Rückenlehne und eine Unterlage für Joshis Beine und kippte ihn leicht zurück, bis das Sitzen keinerlei Anstrengung mehr erforderte. Jennas Teil der Bank blieb ein einfacher Hocker.

Sie nahm seine Hände. «Wie geht es dir? Und bitte behaupte nicht, dass alles in Ordnung ist. Ich habe deinen Anfall gespürt.»

Joshi versuchte zu lächeln. «Die Krankheit wird immer schlimmer. Ich denke nicht, dass ich noch lange leben werde.»

Eine Träne fiel aus Jennas Augenwinkel. Sie berührte Joshis Wange. «Es tut mir so leid. Wenn nur …»

*Bitte nicht*, sprach Joshi direkt über sein Bewusstsein zu ihr.

Ihre Gedanken waren immer oberflächlich verbunden, wie es zwischen sehr guten Freunden normal war. Wie Blitze flammten Jennas Erinnerungen auf, an die Lichtzeit vor bald sieben Jahren, kurz nach dem Tod der Erwachsenen, als der Himmel aufbrach und Sonnenlicht eine Schneise der Zerstörung durch die verletzliche Welt von Erriada zog. Jenna war damals wie erstarrt auf der Lichtung bei den Waldseen gestanden, direkt im Weg der tödlichen Strahlen.

Joshi erinnerte sich an seine eigene lähmende Angst. Fast schon zu spät war er aus der Deckung des Waldes gehechtet und hatte Jenna von der Lichtung und aus der Falllinie eines umstürzenden Baumes geschleudert. Sich selbst konnte er nicht mehr retten. In Jennas Geist hörte er seinen eigenen Schrei und fühlte erneut, wie das Sonnenlicht die rechte Seite seines Körpers verbrannte. Die Erinnerungen verschlugen Joshi den Atem und vor seinen Augen wurde es dunkel.

Sogleich war Jenna da. Sie kühlte seinen Schmerz mit ihren Gedanken und liess beruhigende Energie auf ihn überfliessen.

Als Joshi sich seiner Umgebung wieder bewusst wurde, lag er in Jennas Armen, sein Kopf auf ihrer Schulter, während ihre Hände Kreise auf seinem Rücken zeichneten. Der Baum hielt sie beide zärtlich in einer Art Nest.

Eine Träne benetzte seine Stirn. «Es ist so ungerecht, dass du für meine Dummheit leiden musst», wisperte Jenna. «Und es ist noch ungerechter, dass ich deine Krankheit nicht heilen kann. Ich bin eine berufene Heilerin. Ich habe alle Fähigkeiten meiner Vorfahren und meines Blutes. Wie kann das sein?»

«Ich bin das Gewissen des Königs. Das heisst nicht, dass ich alles weiss.»

«Das hier ist anders. Jede Krankheit hat ihren Auslöser. Und auf diesen Auslöser kann ich einwirken. Ich mag mehr oder weniger erfolgreich sein, aber ich kann immer damit arbeiten. Deine Krankheit ist unberührbar.»

Joshi erwiderte nichts. Jenna war immer schon sehr hart mit sich gewesen, obwohl sie wie er gerade mal siebzehn Jahre alt war.

*Darf ich sehen?* Sie berührte seine Schläfe.

Joshi streifte ihre Gedanken bestätigend mit seinen, verschob den Schutzwall in seinem Geist und sah, was sie sah: die strahlend weisse Sphäre und leuchtenden, federartigen Ausläufer seines Bewusstseins. Um beides wanden sich dicke schwarze Tentakel wie eine bösartige Würgepflanze, die alles Leben erstickte.

Jenna stiess den Atem aus. *Du hast recht. Das Fremde in dir wird stärker.*

Sie lagen still beieinander, während Jenna zärtlich seinen Nacken streichelte und Joshis Herz heftig zu klopfen begann. Ihre Nähe war gleichzeitig schön und beunruhigend. Sie trug nur ein dünnes hellgrünes Kleid, das ihr bis Mitte Oberschenkel reichte. Ihre Haut roch nach den Blüten des Heilerbaums, die sie wegen ihrer schmerzstillenden Wirkung verschiedenen Salben beimischte.

Sanft löste er sich von ihr und setzte sich auf.

«Was ist?»

Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. «Ich mag dem Tod geweiht sein, aber ich habe trotzdem Träume und Sehnsüchte.»

Kaum hatte er das gesagt, bewegte sich der Baum heftig unter ihnen. Joshi beobachtete, wie hölzerne Arme Jenna umfingen, während sie zitternd das Gesicht in den Händen verbarg.

Joshi horchte mit seinem Geist, aber sie hatte ihn ausgeschlossen. «Dein Hüter ist sehr besorgt um dich», sagte er leise.

Als Jenna nicht reagierte, hüllte er sie vorsichtig in seine Gegenwart. Die liebevollen, beruhigenden Gedanken verfehlten ihre Wirkung nicht. Bald straffte Jenna die Schultern und setzte sich langsam auf.

Der Baum gab sie frei, suchte aber weiterhin ihre Nähe.

Sie strich sich die Tränen aus den Augen. «Er war gestern Zeuge einer Szene, die alle meine Befürchtungen wahr werden liess. Sinjhar war hier und liess keinen Zweifel an seinen Absichten. Er wird mich dazu zwingen, seine Gefährtin zu werden.»

Joshi wartete.

«Du weisst, ich mag Sinjhar aus der Zeit, als er sich noch nicht wie ein kriegsverliebter Idiot benahm und wir alle Freunde waren. Trotzdem kann ich niemals seine Gefährtin werden.»

Joshi schluckte. «Es ist der König, der über die Gefährten für Heiler wie dich und Ratgeber wie mich bestimmt. Und Sinjhar ist unser König.»

«Die Tradition verbietet es dem König und allen Mitgliedern seiner Familie, eine Verbindung mit einem Ratgeber oder einem Heiler einzugehen. Es ist das einzige unumstössliche Verbot unseres Volkes.»

Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Sie waren nur noch so wenige, vierunddreissig Kinder im Alter von sieben bis achtzehn Jahren, die auf sich allein gestellt ums Überleben kämpften. Jenna, Joshi, sein Bruder Marcin sowie die Königszwillinge Sinjhar und Tantan gehörten zu den ältesten der Kinder und somit zu jenen, die eine einigermassen umfassende Einführung in die Traditionen der Arrya, ihres Volkes, erhalten hatten. Und Joshi glaubte sich aus den Unterrichtsstunden mit seiner Grossmutter zu erinnern, dass selbst absolute Regeln ausgesetzt werden konnten, wenn die Situation es erforderte.

«Ich weiss, dass Sinjhar als König meinen Körper fordern kann. Meinen Geist aber bekommt er nicht.» Jenna suchte seinen Blick. «Würdest du dich mit mir verbinden, Joshi?»

Hatte er sie richtig verstanden? «Die vollständige Verbindung?»

«Ja.»

Er nahm ihre Hände und küsste die von Kräutern und Harzen verfärbten Knöchel. Jenna bot ihm die Erfüllung seines Traums an. Trotzdem schüttelte er den Kopf. «Ich möchte das nicht. Wenn wir das tun, spürst du meine Krankheit, wie wenn sie deine wäre. Und wenn ich sterbe, stirbst du auch.»

«Ich weiss.»

Sie schauten sich an, verbunden über ihre Blicke und Gedanken, bis die Energie zwischen ihnen knisterte. Dann – völlig unerwartet – senkte Jenna alle mentalen Mauern. Joshi fiel in ihr Bewusstsein und jede Facette ihres Wesens lag für ihn offen.

*Jenna?*

Ihre Lippen zitterten und sie konnte nur mit Mühe seinem Blick standhalten, aber sie liess die Mauern unten.

Sie schien ihm etwas zeigen zu wollen. Behutsam schaute Joshis geistiges Ich sich im leuchtenden Nebel ihres Bewusstseins um. Er fand die Erinnerung an ihre Begegnung mit Sinjhar. Sie lief vor ihm ab, wie wenn er dabei gewesen wäre, und er musste erkennen, dass Jenna die Böswilligkeit darin deutlich heruntergespielt hatte. Unter anderem drohte der verrückte Königssohn damit, ihn – Joshi – wie auch seinen Bruder Marcin zu töten, wenn Jenna ihm nicht gehorchte.

*Geh weiter*, forderte Jenna ihn auf.

Er bewegte sich auf das Zentrum ihres Bewusstseins zu. Je näher er der leuchtenden Kugel kam, desto intensiver stürzten Eindrücke auf ihn ein. Nur mit Mühe hielt Joshi der Flut der Bilder und Gefühle stand, bis er einen völlig ruhigen Bereich erreichte.

Es war ihre Liebe für ihn.

Er atmete überrascht ein. Ihre Gefühle durchliefen ihn wie seine eigenen und liessen die Wärme in sein Gesicht steigen.

Jenna nutzte diesen Moment, um ihn zu küssen.

Joshi vergass die Zeit, seine Umgebung, jeden Gedanken, den er gerade noch gehabt hatte – einfach alles. Als Jenna ihn schliesslich wieder Luft holen liess, lagen sie eng umschlungen in der Umarmung des Baums.

Jenna lächelte und zupfte einige trockene Blätter aus Joshis Haaren.

*Was …?*

*Die hast du von draussen mit reingebracht.* Sie suchte seinen Blick, eine Frage in den Tiefen ihrer wunderschönen grünen Augen.

*Die Antwort ist ja, Jenna. – Wenn du mich wirklich willst.* Joshi senkte die Barrieren um sein Bewusstsein entschlossen, aber auch besorgt. Nun würde sie auch alles sehen, von seinen Träumen, die um sie kreisten, zu seinen mutigen Taten bis zu all dem Kleinlichen und Kindischen, das auch zu seiner menschlichen Existenz gehörte.

Vorsichtig bewegte sie sich in seinem Geist.

*Oh …* Ihre zarte Berührung liess sein Begehren und seine Verlegenheit aufflammen.

Jenna schmunzelte. Er fühlte es, bevor sich ihre Mundwinkel hoben.

Dann drängten ihre Ängste in den Vordergrund – vor den möglicherweise gravierenden Konsequenzen, die ihnen von Sinjhar drohten. Gleichzeitig verhinderte die Verbindung die schlimmste davon: Der Königssohn konnte Joshi nichts mehr antun, denn sonst starb auch die einzige Heilerin seines Volkes.

*Ist es das wirklich wert, Jenna? Für die wenigen Monate, die ich so vielleicht länger lebe? Zum Preis deines Todes, weil du mit mir sterben wirst?*

*Ja.*

Sie holte eine Befürchtung ins Zentrum ihres Bewusstseins, die sie beide seit Jahren mit sich trugen und gleichzeitig zu ignorieren versuchten: dass die vergangenen Jahre geschenkte Jahre waren und Jenna auf der Lichtung im Sonnenlicht hätte sterben sollen. Damals hatte sich etwas verändert. Er war, als hätten sich ihre Heilkräfte von ihr gelöst, ganz so als würden sie nicht mehr wirklich zu ihr gehören.

Joshi lehnte seine Stirn an ihre. *Die vollständige Verbindung wurde seit Generationen nicht mehr versucht.*

*Und Sinjhar wird toben.* Jennas Gedanken waren nur ein Wispern.

Joshi hielt es nicht mehr aus. Er umhüllte ihren Schmerz tröstend. Der Baum nutzte den Moment, um Jenna bemüht beiläufig auf Joshis Schoss zu heben.

Joshis Wangen wurden heiss. Jenna begann zu kichern und gab dem lebenden Holz einen mahnenden Klaps. *Jetzt hör schon auf.*

Es gab sie frei.

Joshi stand auf, zog Jenna hoch und erwiderte ihren Blick. *Ich bekomme die Vorbereitung hin. Kannst du …?*

*Den zweiten Teil führen? Aber ja, das gehört zu meinen Fähigkeiten als Heilerin.*

Joshi horchte ein letztes Mal seiner Entscheidung nach. Als Ratgeber war er dazu verdammt, die verschiedenen Konsequenzen einer Handlung zu erkennen. Er war vor Jahren bereit gewesen, sein Leben für Jenna zu geben, weil ihre Gegenwart sein Herz mit Licht erfüllte. Was war dieses Mal der Preis? Die Verpflichtung, die er als Ratgeber und Gewissen des Königs gegenüber dem Volk der Arrya hatte?

Jenna wartete, bis sie wieder im Zentrum seiner Aufmerksamkeit stand, dann entkleidete sie ihn langsam. Weil ihr Bewusstsein immer noch völlig offen war und es durch ihre Verbindung auch bleiben würde, fühlte er jeden ihrer Gedanken wie seine eigenen.

Ihr gefiel sehr, was sie sah, auch wenn sein Körperbau viel schlanker war als der eines normalen Menschen und seine Haut und Haare dieses unnatürliche Weiss aufwiesen. Ihre Hände fanden die kaum noch sichtbaren Narben auf seiner rechten Körperseite. Traurigkeit über seine Verletzungen vermischte sich mit der Freude, dass es ihr so gut gelungen war, die grauenhaften äusseren Anzeichen zu heilen. Und dann waren da ihre Liebe und ihr Begehren, die zunehmend die Oberhand über alle anderen Gedanken gewannen.

*Jetzt du.*

Er liess sich Zeit, trotzdem war das Kleid nur zu schnell fort.

*Wie geht es jetzt weiter?*, fragte Jenna.

Joshi führte sie in das mild temperierte Wasserbecken. *Zuerst waschen wir uns gegenseitig. So können wir die Verbindung ohne die Last des Gewesenen eingehen.*

Joshi kniete sich hin und wartete, bis Jenna es ihm gleichtat. Die Wasseroberfläche kräuselte sich, als der Baum die Tiefe des Beckens so anpasste, dass sie bis zu den Schultern eintauchten.

Jenna nahm Seife und ein Tuch vom Beckenrand und reinigte Joshis Gesicht, seinen Körper und seine Haare. Filigranes weisses Licht, ähnlich ihren Gedanken, bildete sich um ihn herum. War es zuerst kaum zu erkennen, wurde es mit jeder ihrer Berührungen heller, bis es die Baumwohnung und das Wasser des Beckens erleuchtete.

Jenna reichte Joshi das Tuch. Liebevoll begann er sie zu waschen und fast sogleich entstand das Licht auch um sie herum. Mit der inzwischen gleissenden Helligkeit kam ein Sog, der bis tief in Joshis Seele reichte und dem er sich nicht entziehen konnte.

*Es hat begonnen.* Staunen schwang in Jennas Gedankenstimme. Ihre Augen suchten seine. Als ihre Blicke sich trafen, wurde das Licht um sie herum zu Energie und geriet in Bewegung.

Joshi schluckte leer und konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe. Nur mit Mühe hielt er den Weg seiner Hände unter Kontrolle.

Jenna ging es nicht anders. Sie schmiegte sich in seine Arme, während er als Letztes ihre Haare benetzte, nahm ihm dann das Tuch weg und legte es beiseite. *Was ist der nächste Schritt?*, fragte sie erwartungsvoll.

*Wir schneiden uns gegenseitig die Haare. Damit setzen wir ein Zeichen, dass wir nun erwachsen sind*, erklärte Joshi.

Jenna nahm seine Hand. Gemeinsam stiegen sie aus dem Becken, während die Energiewirbel um sie tanzten.

Jenna setzte sich nass, wie sie war, auf den Hocker, den der Baum für sie bildete. *Ist es wahr, dass die Haare danach nicht mehr wachsen?*

Joshi lächelte. Als Heilerin war sie in den Zyklus der Erneuerung eingebunden, Stillstand für sie unverständlich. *Ich glaube, es funktioniert anders. Ich werde so aussehen, wie du mich in deinem Herzen trägst. Das ist das Unveränderliche.*

Ein leises Schaudern lief durch ihren Geist. Ehrfurcht vor der Macht dessen, was sie hier schufen, erfüllte sie.

*Möchtest du aufhören, Jenna? Noch können wir abbrechen.*

Ihre Reaktion kam so instinktiv wie schnell. *Nein. Auf gar keinen Fall.*

Joshi nahm die Schere vom Arbeitstisch. *Dann darf ich?*

Sie nickte.

Joshi schaute tief in sein Herz und seine Träume und begann, Strähne um Strähne von Jennas seidigen blonden Haaren abzuschneiden. Es war, als würde seine Hand von etwas Fremden geführt. Er konnte gar nicht fehlgehen. Und mit jeder Strähne, die zu Boden fiel und mit dem Holz des Baumes verschmolz, entstand eine neue zarte Farbe in den Energiewirbeln.

Als Joshi fertig war, fasste er Jennas Kinn, damit sie ihn ansah. Sie erhob sich und schüttelte den Kopf. Wie es bei ihrem Volk üblich war, trockneten ihre Haare dadurch sofort. Die Strähnen sprangen in ihre neue Form.

Jenna sog den Atem ein. *Unglaublich!* Aufmerksam prüfte sie ihr neues Aussehen in Joshis Gedanken.

*Jetzt du.*

Er setzte sich und versuchte stillzuhalten, doch immer wenn Jennas Finger seine Haut streiften – seine Wange, seine Schulter oder seinen Nacken – überlief es ihn heiss und kalt.

*Dein Blut kocht wie Feuer. Ich wusste, dass du mich liebst, aber das habe ich nicht erwartet. – Shh.* Ihre Gedanken dämpften seine Verlegenheit. *Das muss genau so sein.*

Er betrachtete die langen weissen Haarsträhnen, die sich um seine Füsse sammelten und die der Baum ebenfalls für sich beanspruchte. Sein Kopf fühlte sich inzwischen viel leichter an. Dann war Jenna fertig.

Er hob den Kopf und suchte ihren Blick.

*Erkennst du dich nicht?*, fragte sie, als er nicht reagierte.

Joshi hatte es immer vermieden, sein Spiegelbild in den Gedanken seines Bruders oder auf der Oberfläche der Waldseen zu genau anzuschauen. Nun kam er nicht mehr darum herum. Und ihm gefiel nicht, was er sah.

Jenna legte ihm die Hände auf die Wangen. *Joshi … Ich mag kein Ratgeber sein. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es ein wichtiger Aspekt der Verbindung ist, dass du dich selbst akzeptierst, so wie du bist. Ich liebe dich. Weshalb kannst du dich selbst nicht lieben? Bitte schau nochmals genau hin.*

Er tat es nur ihr zuliebe. Sein Gesicht blieb, was es war: das eines Halbbluts. Er war nur zur Hälfte Mensch. Der andere Teil stammte von den Geistern, weil seine Mutter ihr Liebesversprechen gegenüber ihrem Gefährten gebrochen hatte. Nicht, dass sich aus dem Fremdgehen etwas Hässliches ergeben hätte. Die Mädchen des Dorfes konnten manchmal kaum die Augen von ihm und seinem Bruder Marcin lassen. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sein Gesicht auf subtile Weise nicht menschlich war – wie sein Körper als Ganzes zu feinknochig, die Augen mit ihren wechselnden Farben eine Spur zu gross, die Wangenknochen eine Nuance zu hoch, die Eckzähne etwas zu lang und spitz. Es war das Gesicht eines Raubtiers.

Und nun hatte Jenna ihm die Haare fingerlang geschnitten, so dass sie einen perfekten Rahmen bildeten und jedes dieser Attribute noch betonten.

Sie nahm seine Hände und kniete vor ihm. *Dein Aussehen ist nur ein Teil von dir, Joshi. Wenn ich dich nicht kennen würde, würde es mich vielleicht erschrecken. Wer weiss? Aber was zählt ist hier drin.* Sie berührte seine Brust. *Du und Marcin, ihr habt uns am Leben erhalten, nachdem die Geister die Erwachsenen geholt und getötet hatten und der Himmel aufgebrochen war. Marcin tat, was er immer tut: Er übernahm die Kontrolle, sorgte für unsere Sicherheit und unser Essen. Das ist gut und richtig so und was ich von ihm in einer solchen Situation erwarte. Du konntest dich wegen der Schmerzen deiner Verbrennungen kaum bewegen, trotzdem hast du auf die Kleinsten unter uns aufgepasst, sie versorgt und erzogen. Du hast uns alle dazu gezwungen, uns an das zu erinnern, was unsere Eltern uns beibrachten. Und du hast nicht lockergelassen, bis du alles niedergeschrieben hattest – dies mit einer Hand, die aufgrund ihrer Verletzungen kaum den Federkiel halten konnte und Spuren von Wundwasser auf dem Pergament hinterliess.* Sie küsste die Narben auf seinem Handrücken. *Das alles bist du, Joshi, nicht das möglicherweise, vielleicht aber auch nicht Halbblut, das dir der Spiegel zurückwirft.*

Joshi suchte in ihrem Geist. Sie meinte jedes einzelne Wort.

*Schau dich an, Joshi. Fremd magst du aussehen, aber du bist faszinierend und ich möchte dich kein bisschen anders.*

Jenna wartete, bis er nickte. Seine Gedanken hatten ihr das dritte Band gezeigt. Sie reichte ihm das Messer und bot ihm ihre rechte Handfläche dar.

Das Ritual verlangte einen kleinen Schnitt. Er ritzte vorsichtig ihren Daumenballen. Rote Tropfen bildeten sich auf der Wunde.

Sie nahm seine linke Hand. Mit der Übung eines Heilers fügte sie ihm die kleine Verletzung zu. Beide schauten auf sein schneeweisses Blut.

Jenna führte ihre Hände zusammen, so dass das vermischte Blut rosafarben über ihre Unterarme rann. Ein Windstoss schien durch die Baumwohnung zu fegen. Die vielfarbigen Energiewirbel um sie herum, die bisher noch jeden Körper separat eingehüllt hatten, dehnten sich aus und wurden zu einem grossen Vortex, der sie gemeinsam umgab.

Sie beobachteten still das Phänomen, wandten sich dann wieder einander zu.

*Die Vereinigung ist fast vollzogen. Nun kommen wir zu meinem Teil.* Jenna stand auf und zog Joshi auf die Füsse.

Er drohte gegen sie zu fallen, konnte sich gerade noch auffangen.

*Vertraust du mir?*

Er nickte.

*Dann lass es einfach geschehen und geniess es. Du kannst nichts falsch machen.* Und damit küsste sie ihn.

Joshi erwachte langsam. Zuerst konnte er die ihn umgebenden Geräusche und Gerüche nicht zuordnen: das leise Gurgeln von Wasser, den herben Duft nach Salbe und Essenzen. Dann fühlte er das Kitzeln von Atemzügen an seinem Hals und die Präsenz eines anderen Menschen.

Er öffnete seine Augen. Jenna lag Wange an Wange mit ihm, gleichzeitig wach und verträumt, in ihren Gedanken bei ihrem Liebesspiel. Sie hatte ihn sanft geführt, sein Begehren manchmal spielerisch verstärkt, dann wieder zärtlich die Dringlichkeit daraus genommen. Alles war ihm neu und doch auch vertraut erschienen und sie hatte jeden Augenblick mit ihrer Gegenwart erfüllt.

Joshi war unendlich dankbar dafür, dass er so etwas Schönes vor seinem Tod noch hatte erleben dürfen.

Jenna lächelte und rollte sich auf ihn. *Glaub nicht, dass ich dich schon gehen lasse. Wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht, haben wir noch eine ganz Licht- und Dunkelzeit für uns. Ich habe den anderen Kindern gesagt, dass niemand mich beim Kochen des Frostzeit-Elixiers stören darf.»

Er sah den Schalk in ihren Gedanken. *Wie lange dauert die Zubereitung wirklich?*

*Mehrere Monate in vielen einzelnen Arbeitsschritten. Mit dem aktuellen war ich lange fertig, bevor du kamst.*

Er liess seine Fingerspitzen über ihre Wange gleiten. Aus dem Küssen wurde nichts, da sein Magen so laut knurrte, dass Jenna lachen musste.

*Erst waschen, dann essen!*, bestimmte sie.

In ihrem Zustand der Verliebtheit wurde aus allem ein Spiel, eine Zärtlichkeit ergab die nächste und ihr junges Blut liess ihnen keine Ruhe, bis sie jeweils vor Erschöpfung einschliefen.

Die Zeit verging viel zu schnell. Am Ende der zweiten Dunkelzeit machte Joshi sich auf zu gehen. Aus dem zehnten Kuss wurde der fünfzigste und noch immer konnten sie sich nicht loslassen.

*Ab jetzt beginnt unser normales Leben wieder und wir müssen uns den Konsequenzen stellen. Und das bedeutet, dass jeder Moment der letzte sein kann.* Jenna presste die Lippen zusammen, während ungeweinte Tränen ihre Augen glänzen liessen.

Sie verwanden ihre Gedanken ineinander, bis nichts mehr sie trennte.

«Ich liebe dich, Joshi, und ich bereue nichts.»

Er musste zuerst seine Stimme suchen, bis er wieder laut sprechen konnte. «Und ich liebe dich, Jenna, und auch ich bereue nichts.»

Er öffnete seine Wahrnehmung und prüfte die Umgebung des Baums. Noch lag das Land in kaltes Sternenlicht getaucht. Sie waren in Sicherheit, aber nicht mehr lange, wenn er sich nicht beeilte. Er fühlte die Präsenz der anderen Kinder, die in ihren Baumwohnungen erwachten. Nur zu bald würden sie nach ihrer Heilerin verlangen.

Eine letzte liebevolle Berührung, dann ging er. Der Baum liess ihn nur ungern ziehen, gab aber auf eine Berührung von Jenna hin nach.

Die Chronik der Ratgeberin

Lautlos öffnete Marcin Artum die Tür zu seiner Baumwohnung und schaute nach draussen. Der Wald lag in tiefer Dunkelheit. Das eisige Sternenlicht zauberte Reflexe auf die Blätter der Bäume, erreichte aber den Boden nicht. Ein angenehm warmer Wind blies sanft. Kein Laut war zu hören, doch obwohl die anderen Kinder noch alle schliefen, blieb Marcin vorsichtig. Zu sehr hatte die Stimmung im Dorf während des vergangenen Jahres umgeschlagen, seit Sinjhar Arreidas die Rolle des Anführers an sich gerissen hatte, die ihm aufgrund seiner Abstammung zwar zustand, für die er aber keine Eignung besass.

Marcin schnupperte. Nebst seinen perfekt auf die ewige Dunkelheit Erriadas abgestimmten Augen besass er einen ausgezeichneten Geruchssinn und seine Ohren hörten besser als die eines Wolfes. Doch so sehr er sich auch bemühte, er konnte nichts Verdächtiges feststellen. Wie um die unsagbar kalten und trostlosen Nächte der Frostzeit vergessen zu machen, zeigten sich Erriadas Wälder nun, zum Höhepunkt der Warmzeit, von ihrer prachtvollsten Seite.

Marcin fletschte die Zähne. So schön es war, endlich nicht mehr zu hungern und zu frieren, seine Freude blieb gedämpft. Mit der Wärme schien etwas Fremdes in dieses Land gekommen zu sein. Was genau es war, konnte er nicht sagen. Es zeigte sich nur in Andeutungen. Marcin war, wie wenn ein Schleier über allem liegen würde. Tiefes Schweigen hatte sich über die Hügel gesenkt. Die Tiere und ihre Jungen sassen still und verängstigt in ihren Verstecken – sogar die Irrfitzins, deren aufdringliches Geschrei sonst pausenlos durch die Wälder schallte.

Marcin schüttelte sich und riss sich von seinen düsteren Gedanken los. Wenn er noch lange auf der Schwelle seiner Baumwohnung herumstand, kam er nie zu Joshi. Er glitt nach draussen und schloss lautlos die Tür hinter sich.

Um ihn blieb alles ruhig. Das Dorf der Menschen erstreckte sich über eine weitläufige Waldfläche, in deren Mitte sich eine Wiese befand. Jede Familie lebte in ihrem eigenen Baum und weil nur die ältesten Exemplare sich aufgrund ihrer Grösse und ihres Umfangs als Behausungen eigneten, lagen teilweise beträchtliche Distanzen zwischen den Wohnungen. So sah Marcin, wenn er unter dem Dach der dicht ineinander verwobenen Äste durchschaute, nur eine weitere Tür in seiner Umgebung: die zu Sara Patris Baum in fünfzig Schritten Entfernung.

Über Marcins Kopf raschelte es leise. Prüfend schaute er zur Krone des uralten Riesen hoch. Es freute ihn, die gesunden, blütenbeladenen Äste zu sehen, die sich gerade neu arrangierten. Wie alle Kinder hatte Marcin ein besonderes Verhältnis zu seinem lebenden Heim entwickelt. Ihm war nur zu bewusst, dass es irgendwann sterben würde, möglicherweise durch einen Blitzschlag oder ein anderes Naturereignis. Und dann war er heimatlos, denn nur die Erwachsenen hatten gewusst, wie man mit den Bäumen verhandelte, damit sie einem eine sichere Zuflucht boten.

Er fragte sich manchmal, was Jenna fühlte, deren Baum der merkwürdigste von allen war. Wie ein Lebewesen interagierte er mit ihr, formte sich ihren Bedürfnissen entsprechend um oder trotzte zwischendurch auch einmal. Die Bäume der anderen Kinder, obwohl ihren Bewohnern durchweg freundlich gesinnt, taten das nicht. Ihre Tür blieb immer am selben Ort und wer ein neues Möbelstück wollte, musste dieses aus totem Holz bauen. Doch manchmal gab es auch schöne Überraschungen: Fast jedes Jahr zu Beginn der Frostzeit fand Marcin, der in einer Art Nussbaum wohnte, alle Früchte seines Baumes auf einem Haufen unmittelbar vor seiner Tür. Aber nun musste er wirklich los.

Marcin huschte durch die Dunkelheit. Selbst dort, wo noch trockenes Laub lag, machten seine Füsse keinen Lärm. Er bewegte sich wie ein Schatten, äusserst wachsam und alle Sinne gespannt, doch bald schweiften seine Gedanken wieder ab. Der Wald war so unnatürlich still und leblos – nicht einmal die sonst furchtlosen Wölfe jagten.

Und wie wenn es nicht schon genügend bedrohliche Anzeichen in der Natur gegeben hätte, wurde auch die Stimmung in ihrem kleinen Volk immer aggressiver. Marcin machte sich grosse Sorgen. Mit achtzehn Jahren war er das Älteste der Kinder und obwohl er aufgrund seiner Abstammung kein Anrecht auf die Herrschaft hatte, betrachtete er die Arrya als sein Volk. Zu oft war ihr Überleben nur durch ihn möglich gewesen. Er kannte die unendlichen Wälder wie kein anderer. Er wusste, was essbar war und was nicht und welche Tiere man wie jagen konnte, und ihm war es zu verdanken, dass die Kinder nicht verhungert waren. Es tat weh, dass sie sich jetzt an Sinjhar wandten und nicht mehr an ihn, vor allem da Sinjhar ein Aufrührer war und zum Jähzorn neigte. Der junge König stachelte die Konflikte noch zusätzlich an, obwohl es zwischen so vielen Kindern zwangsläufig zu Reibereien und Machtkämpfen kommen musste. Dass er sich ausgerechnet Joshi als Ziel seiner Intrigen ausgesucht hatte, erstaunte Marcin nicht. Durch seine Klugheit und sein fremdes Aussehen hatte sein Bruder schon immer polarisiert.

Inmitten der letzten Frostzeit, als die Konflikte mit Joshis Verbannung ihren vorläufigen Höhepunkt fanden, hatte er sich trotz schlechter Erinnerungen in die Hütte ihrer Grossmutter Eriann zurückgezogen. Diese war nichts weiter als ein Bretterverschlag, heiss in der Warmzeit und eisig während des kalten Halbjahres, und Marcin hatte sich endlos Sorgen und Vorwürfe gemacht. Was war, wenn Joshi erfror, wenn er verhungerte oder ein wildes Tier ihn frass?

Marcin anerkannte zwar die Weisheit, Joshi von den anderen Kindern und vor allem von Sinjhar zu trennen, aber ihm war nicht wohl dabei. Einerseits vermisste er Joshi sehr und andererseits hatte Joshis blosse Gegenwart Sinjhar im Zaum zu halten vermocht, auch wenn die dauernden Auseinandersetzungen der beiden für alle sehr mühsam gewesen waren.

Marcin fragte sich bedrückt, ob Sinjhars Machtübernahme allein für die Veränderung unter den Kindern verantwortlich war. Oder fühlten auch sie dieses Fremde, Beklemmende, das sich in diesem Land breitgemacht hatte, und reagierten einfach anders darauf? Marcin wusste es nicht. Er erkannte nur, wie mit jeder Lichtzeit, wenn die Doppelmonde schienen und sie jagen und Nahrung sammeln gingen, die Gesichter um ihn herum härter und verbissener wurden. Beinahe dauernd gab es Streit und Schlägereien und Jenna Jinells Künste als Heilerin wurden des Öfteren in Anspruch genommen.

Und dabei ging alles Gute verloren. Auf sich allein gestellt nach dem Tod ihrer Eltern hatten die Kinder ihre eigene Gesellschaftsform entwickelt, die auf Zusammenhalt und Zärtlichkeit beruhte. Arbeiten erledigten sie gemeinsam oder in kleinen Gruppen. Dabei lachten und scherzten sie viel. Wenn das Wetter und die Temperatur es erlaubten, gingen sie nach getaner Arbeit in den Waldseen baden. Später assen dann alle miteinander auf der Lichtung inmitten ihres Dorfes. Dort hatten sie auch immer gespielt und geplaudert, bis sie zu müde waren, die Augen offenzuhalten. Und jetzt? Die meisten zogen sich gleich nach der Nahrungssuche in ihre Behausungen zurück und zeigten sich nicht mehr. Der Umgangston war hart und unfreundlich. Marcin fühlte sich sehr allein.

Er huschte weiter. Bald würde das Dorf hinter ihm liegen und er konnte sich rascher bewegen.

Ein Geräusch erklang. Marcin hechtete in Deckung und fletschte die Zähne. Ein Kreis matten Lichts wurde in einem Baumstamm zu seiner Linken sichtbar. Dies war Xinea Laangaards Baumwohnung. Marcin zwang seinen völlig verkrampften Körper, sich zu entspannen. Er musste vorsichtig sein. Alle Kinder hörten ganz ausgezeichnet. Fiel ein Blatt auf den Waldboden, konnten sie aufgrund des dabei entstehenden Lauts sagen, von welcher Art Baum es stammte.

Lautes Gejammer schallte durch den Wald. Marcin hörte das Mädchen leise vor sich hin schimpfen. Der Umriss ihrer Gestalt zeichnete sich gegen den hellen Hintergrund des Eingangs ab. Sie warf etwas nach draussen und schloss schnell die Tür wieder. Das Zetern nahm an Lautstärke zu. Mit einem boshaften Grinsen beobachtete Marcin, wie der ausgesperrte Irrfitz an der Tür hochstand und kratzend und lärmend um Einlass bat. Plötzlich drehte das Tier jedoch sein Köpfchen und schaute direkt in seine Richtung. Offensichtlich hatte es den Menschen gefühlt oder gerochen.

Marcin nahm Reissaus. Er hatte keine Lust, sich wieder einmal mit dem Gesicht im Schmutz zu finden, nur weil eines dieser unmöglichen Tiere sich um seine Beine gewickelt hatte. Seine Gestalt verschmolz mit der Dunkelheit. Die sanfte Brise wehte stärker, unmerklich zuerst, dann begannen die Blätter der Bäume in ihrem Takt zu wispern. Sie brachte weitere Schwaden von Blütenduft und warmer, feuchter Luft.

Marcin verharrte, um zu lauschen. Wenn er sich nicht täuschte, hatte der Wind gedreht. Und tatsächlich: Das Geräusch, das ihn aus dem Schlaf geschreckt hatte, war wieder zu hören. Marcin grollte leise. Seine Nackenhaare richteten sich auf und es lief ihm eiskalt den Rücken hinab.

Er eilte weiter. Der Boden unter seinen Füssen veränderte sich, wurde felsiger und lockerer. Bald hastete er die Flanke eines Hügels hinauf. Hier in den ersten Ausläufern des Mondgebirges wuchsen die Bäume nicht so nahe beieinander, dafür machten hohes Gras und dichtes Gestrüpp den Weg beschwerlich. Marcin folgte jedoch Pfaden, die von blossem Auge nicht erkennbar waren. So kam er zügig voran.

Marcin befand sich bereits recht hoch in den Ausläufern des Gebirges. Witternd verharrte er, immer auf der Ausschau nach Verfolgern und anderen Gefahren, die in Erriada lauerten. Der Weg wurde stetig steiler, der Wald immer wilder. Endlich tauchte am Rand einer kleinen Lichtung Marcins Ziel auf, Erianns Hütte, so gut zwischen Baumstämmen verborgen, dass niemand, der nichts von ihrer Existenz wusste, sie bemerkt hätte.

Marcin legte seine Hand auf das Türblatt, das unter dem Druck lautlos nachgab. «Joshi?», rief er leise. «Joshi, bist du da?» Er betrat das Innere der Hütte. Etwas wand sich mit der Kraft und Geschmeidigkeit einer Schlange um seine Fussknöchel. Marcin fiel beinahe der Länge nach hin.

Mit einem leisen Fluch bückte er sich. Er würde nie verstehen, wie man sich diese Plagegeister als Haustiere halten konnte. «Lotty, du Missgeburt, benimm dich!» Er wickelte den Irrfitz mit der Sicherheit langen Übens von seinen Beinen und hob ihn hoch. Sogleich erklangen ein Glucksen und ein seltsames Schnarren. Seufzend kraulte Marcin das weiche Fell des Tieres. «Ich mag dich ja auch», sagte er nicht gerade überzeugt und tätschelte den Kopf des Wesens. Das Glucksen wurde zu einem Gackern.

Irrfitzins waren eigentlich Raubtiere und konnten durchaus gefährlich sein. Dabei sahen sie zum Lachen aus: wie eine weiss bepelzte, zu kurz und zu mollig geratene Schlange mit vier Stummelbeinen und einem bemähnten Kopf – alles dort, wo man es bei einem vernünftigen Tier erwarten durfte. Wenn Lotty neben Marcin mit allen vier Beinen auf dem Boden stand, reichte ihm ihr altkluges Gesicht bis Mitte Unterschenkel. Von Zeit zu Zeit machte sie sich einen Spass daraus, ihm entgegenzurasen, hochzuhopsen und ihm mit voller Wucht die Vorderpfoten in den Unterleib oder den Kopf gegen das Kinn zu rammen.

Oder sie wandte die typisch irrfitzige Methode der Begrüssung an. Diese unterschied sich in keiner Weise von einem Angriff nach Irrfitzart, der in freier Wildbahn normalerweise folgendermassen ablief: Ein Irrfitz schlich sich durch das Unterholz an seine Beute heran, wickelte sich blitzschnell um ihre Beine und hoffte, dass sie sich beim Fallen irgendwo durch ein Wunder den Schädel anschlug und benommen liegenblieb.

Die Erfolgschancen dieses Verfahrens erklärten mehr oder weniger, weshalb Lotty wie auch andere Exemplare ihrer Art nicht abgeneigt gewesen war, als ein Mensch sich ihrer erbarmte und sie mit allem versorgte, was ein richtiger Irrfitz brauchte: einen vollen Magen und ein warmes Nest. Meist blieb zwar dem Menschen in dieser Sache nicht viel zu sagen. Ein Irrfitz suchte sich sein Herrchen aus und verfolgte es. Dabei jammerte er so lange ohrenbetäubend laut und herzerweichend, bis der Zweibeiner schliesslich nachgab und das Tier bei sich aufnahm. Als Dankeschön für seine Barmherzigkeit fand er sich des Öfteren der Länge nach auf dem Boden liegend wieder, einen begeistert gackernden Irrfitz um die Fussknöchel gewickelt.

Lotty in Marcins Armen jammerte. Er legte ihr eine Hand über die Schnauze. «Joshi?» Selbst mit seinen äusserst empfindlichen Augen konnte er in der Hütte nichts sehen. Die Tür war hinter ihm zugefallen. «Jetzt antworte doch, Joshi! Kannst du es nicht hören? Sie singen wieder», zischte er und mochte den Beigeschmack von Furcht nicht, der in seiner Stimme mitklang.

Lotty jammerte lauter und drängender. Marcin fasste nach ihrem Bäuchlein. Es schien völlig leer zu sein. Das bedeutete zweierlei. Joshi war länger nicht mehr hier gewesen und das dumme Tier hatte sich geweigert zu jagen.

Mit einem Seufzen liess er sie zu Boden plumpsen. Er holte frisches Wasser von der Quelle in der Nähe der Hütte. Aus Joshis bescheidenen Vorräten, die er auf einem mäuse- und irrfitzsicheren Brett an der Wand aufbewahrte, mischte Marcin für Lotty etwas Getreide mit trockenem Fleisch. Kräuter und getrocknete Beeren rundeten das Gericht ab. Irrfitzins liebten solche Schweinereien.

Lotty verschlang das Essen laut schmatzend.

Marcin machte sich derweil Sorgen. Wo steckte Joshi? Er trat vor die Hütte, horchte mit seinem Geist und fand ihn wieder nicht. Über seinem Kopf wisperte der Wind in den Bäumen. Etwas war anders seit dem Ende der vorletzten Lichtzeit. Nur was?

*Marcin?*

Er fuhr herum und suchte die Gestalt seines Bruders zwischen den Stämmen des Waldes. Trotz des eher lichten Unterholzes entdeckte er ihn nicht. *Joshi, wo bist du?*

*Hier.* Wie wenn die langen Schatten der Bäume ihn freigegeben hätten, stand Joshi plötzlich auf der Lichtung, wenige Schritte entfernt.

Marcin konnte nur noch starren, während ihm das Blut in die Füsse sackte. Dann stiess er einen tiefen Seufzer aus.

«Bei allem, was uns Arrya heilig ist, Joshi. Was hast du getan?»

[…]

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