Leseprobe "Bis das Eis bricht: Tantans Geschichte"

Buchcover "Bis das Eis bricht" von Isa Day

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Isa Day

Bis das Eis bricht

 

Tantans Geschichte

Der Weg des Heilers
Band 3

 Roman

Pongü

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1. Auflage 2017

© 2017 Pongü Text & Design GmbH, Meilen, Schweiz

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Umschlaggestaltung: Pongü Text & Design GmbH

ISBN: 978-3-9524326-8-6 (eBook)
Weitere ISBNs gemäss eBook-Format und Vertriebskanal

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Inhaltsverzeichnis

Familienbande
Die ersten Kinder
Verbotene Magie
Der Ruf des Waldes
Lehrjahre
Geisterwölfe
Liebeshunger
Ruhe im Sturm
Das Geheimnis der Berufung
Der König und seine Ratgeberin
Blutdurst
Entfremdung
Brechendes Eis
Am Scheideweg
Epilog

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Familienbande

Vor den Fensteröffnungen der Baumwohnung begann der Regen von einem Moment auf den anderen in Strömen zu fallen, und ein kühler Windstoss brachte die Flammen in der Feuerschale zum Flackern.

Tantan zog den Schal etwas fester um ihre Schultern. Sie sass auf der grosszügigen Bank, die der Baum eines Nachts für sie ausgeformt hatte und die seither zur Einrichtung gehörte. Sitzfläche und Rückenlehne mit weichen Polstern bedeckt, eignete sie sich bestens für ein junges, schwer verliebtes Königspaar, das gerne Momente in stiller Zweisamkeit verbrachte.

Tantans Gefährte Niniuk stand am Tisch und entzündete mit seiner Magie einige Lichtschalen. Die Doppelmonde, deren sanftes Schimmern die Lichtzeit erhellte, waren gerade untergegangen und in den Winkeln des gemütlichen Raumes sammelten sich die Schatten. Und obwohl die Anwesenden durch ihr aussergewöhnliches Sehvermögen kein Licht brauchten, liebten alle den warmen Schein des magischen Feuers.

Niniuk musterte Tantan aufmerksam. «Ist dir kalt?», fragte er und streckte schon die Hand aus, um das lebende Holz des Baumes zu berühren.

Tantan lächelte ihn an, wie stets tief berührt von der Fürsorge in seinen leuchtend blauen Augen, die einen schönen Kontrast zu seinem fuchsbraunen Haar bildeten. «Ein wenig, aber es geht, wenn du dich zu mir setzt. Lass uns noch ein wenig dem Regen lauschen. Ich liebe dieses Geräusch. Es bedeutet, dass das Land in wenigen Nächten zu blühen beginnt.»

Niniuk zögerte und musterte seine Gefährtin aufmerksam. Tantan zog die Brauen hoch und klopfte auffordernd auf das Polster neben sich. Mit einem leisen Schnauben gab Niniuk nach. Er stellte die Lichtschalen in die dafür vorgesehenen Wandnischen. Es ging einen kleinen Moment, dann übernahm das lebende Holz das Leuchten. Rotgoldene Reflexe breiteten sich über Wände und Decke aus. Was der Baum dabei genau tat, wusste Tantan nicht, aber sie konnte sich an dem wunderschönen Effekt nie sattsehen.

Niniuk setzte sich zu Tantan und zog sie an sich. Gleichzeitig wickelte er routiniert eine kostbare Decke um sie. «Du brauchst gar nicht zu grinsen, Vater», sagte er zu Damion, der ihnen gegenüber in einem Sessel sass und ihren kleinen Sohn Daion hielt. Der Junge war im Sitzen eingeschlafen, die Fäuste in Damions Gewand gekrallt und die Stirn an die Brust des Königs geschmiegt.

«Ich bin der König der Asjadai und ich grinse nicht», sagte Damion mit todernster Miene.

Tatsächlich zeichneten sich die meisten Asjadai durch ein sehr viel ruhigeres und – wie Tantan fand – langweiligeres Temperament aus als die Menschen. Dies galt aber zum Glück nicht für die Königsfamilie, auch wenn sie sich gegenüber ihrem Volk keine Blösse zu geben versuchten. In den vergangenen Jahren hatte Tantan gelernt, all die subtilen Anzeichen zu erkennen, die auf Damions Stimmung hindeuteten. So bewiesen die kleinen Fältchen unter seinen hellgrünen Augen, dass er eben doch amüsiert war.

Tantan legte den Kopf auf Niniuks Schulter und strich über ihren Bauch, der sich schon merklich rundete. Fünf Jahre nach der Geburt von Daion bekamen sie nun bald ihr zweites Kind.

«Ist alles in Ordnung?», fragte Niniuk, der ihre Geste bemerkt hatte.

«Ja», bestätigte Tantan geistesabwesend, ihre Aufmerksamkeit bei den Geräuschen des Waldes. «Hört ihr, wie die Blätter unseres Baumes wachsen? Zu Beginn der nächsten Lichtzeit werden sie bereits doppelt so gross sein.»

Niniuk versuchte es nur kurz und schüttelte dann den Kopf.

Damion gab etwas später auf. «Nein. Das mag das Land der Asjadai gewesen sein. Ihr Menschen habt es zu eurem gemacht.» Er streichelte zärtlich das Haar seines Enkels. Es zeigte das gleiche Fuchsbraun wie Niniuks.

Tantan fing einen Gedanken ihres Schwiegervaters auf. Weil sie so gut miteinander auskamen, achtete niemand besonders aufmerksam auf seine geistigen Barrieren. «Ich frage mich auch schon die ganze Zeit, wie unser neues Kind aussehen wird. Gemäss Tsin-ju wird es ein Mädchen», sagte sie und lächelte. Die Worte der Heilerin hatten ihr grosse Freude bereitet.

«Und weshalb ist ihr Aussehen wichtig?», zog Niniuk sie sanft auf. «Weil sie dann eine bessere Prinzessin sein wird? – Au!»

«Ich kann dich nochmals kneifen, wenn du nicht Ruhe gibst», drohte Tantan und drückte die Haut über seinen Rippen warnend zusammen.

Ihr Gefährte schaute sie aus vor Schalk funkelnden Augen an. «Weshalb nur habe ich mir das wehrhafteste Mädchen der Menschen ausgesucht? Bitte erinnere mich, Vater. – Au! Jetzt lass schon gut sein, du kleiner Dämon.» Er fasste vorsichtig, aber nachdrücklich Tantans Hand.

Jetzt lächelte Damion wirklich, wie Tantan erleichtert beobachtete. Er hatte lange gebraucht, um sich an die Gefährten seiner beiden Kinder zu gewöhnen – auch Niniuks sechs Jahre jüngere Schwester Tess war unter den Menschen fündig geworden. Die Mischung aus Glück, Loyalität und Lebensfreude, mit der die beiden Paare ihr Leben bestritten und teilweise beträchtliche Probleme lösten, zog ihn jedoch fast magisch an.

«Es ist gemein, Niniuk, mich an meine früheren Überzeugungen zu erinnern. Ich kann auch nichts für all den Unsinn, den mein Vater mir eingebläut hat.»

Sogleich wurde er ernst. «Entschuldige.» Er legte Tantan die Hand auf die Wange und küsste zärtlich ihre Lippen.

«Schon gut. Und um das klarzustellen: Ich habe mich wirklich nur gefragt, wie die Färbung unserer Tochter aussehen wird. Daion hat dein Haar und meine grünbraunen Augen, auch wenn sie heller sind. Mir würde es gefallen, wenn unser zweites Kind deine strahlend blauen Augen hätte und entweder dunkelbraune Haare wie ich oder dann dieses ungewöhnliche Schwarzviolett deines Vaters.»

Niniuk nickte. «Das wäre schön. Aber sei nicht enttäuscht, wenn es nicht so ist.»

Tantan setzte ein ernstes Gesicht auf. «Aber natürlich nicht. Ich werde toben und wüten, wie es sich für einen Menschen gehört.»

Sie spürte die Berührung von Niniuks Gedanken. Er prüfte doch tatsächlich nach, ob es ihr mit ihren Worten ernst war. Selbst nach all der Zeit in der Gegenwart der Menschen hatten die Asjadai – mit der Ausnahme von Damion, der durch seine bitteren Erfahrungen manchmal sehr zynisch reagierte – immer noch Mühe Ironie zu erkennen. Aber sie durfte sich nicht beklagen. Niniuk war gerade mal achtundzwanzig Jahre alt, aus Sicht der Asjadai unglaublich jung für seine Pflichten und um schon Familienvater zu sein. Die Angehörigen seines Volks wurden etwa doppelt so alt wie ein Mensch und galten normalerweise ab vierzig als halbwegs erwachsen. Und trotzdem machte er bis auf seltene Aussetzer alles richtig und war der wunderbarste Gefährte, den sie sich vorstellen konnte.

Damion schnaubte. «Falls du dich wunderst, mein Sohn: Sie nimmt dich gerade auf den Arm.»

«Das hoffe ich.» Niniuk entspannte sich. Er hielt immer noch Tantans Hand, mit der sie ihn gekniffen hatte. Liebevoll wand sie ihre Finger durch seine. Er seufzte zufrieden.

Inzwischen herrschte vor den Fenstern das kalte Sternenlicht der Dunkelzeit und der Wind wehte deutlich kälter. Von selbst schloss der Baum die Fensteröffnungen, um die Wesen, die in ihm lebten, zu beschützen. Tantan wurde schläfrig und auch Niniuks Atemzüge verlangsamten sich.

«Tochter», begann Damion unerwartet. «Als ich heute mit Daion die Archive der Asjadai besuchte, erwähnte er, dass du ihm eine Geschichte erzählt hast. Darüber, welchen Teil du zur Rettung unserer Heimat beitrugst. Ich würde sie gerne hören.»

Plötzlich war Tantan wieder hellwach. «Weshalb?»

«Weil ich dich nie danach gefragt habe. Und weil das nicht in Ordnung ist.»

Tantan zögerte. Niniuk neben ihr regte sich.

«Du hast auch mir diese Geschichte nie erzählt», sagte er und suchte ihren Blick. «Jene Nächte haben das Schicksal von uns allen für immer verändert. Ich möchte wissen, was du damals erlebt hast – bevor wir uns kennenlernten.»

Es war ihr unmöglich, ihm etwas abzuschlagen. Trotzdem versuchte sie es. «Ist denn wirklich genügend Zeit seit damals vergangen? Was ist, wenn all der Hass und die Missverständnisse ihre Wirkung in der Gegenwart entfalten? Die Dunkelheit lauert irgendwo dort draussen. Ich möchte nicht diejenige sein, die ihr die Tür öffnet.»

Ihre Worte beschworen eine ganz eigene Form der Finsternis herauf: die Angst vor der Zukunft, die ungewisser war als jemals zuvor.

Niniuks Blick war sehr ernst geworden. «Niemand weiss, was morgen oder übermorgen sein wird. Trotzdem erwartest du unser Kind. Lass uns für die Hoffnung leben.»

Tantan suchte Damions Bestätigung. Als er ihr zunickte, atmete sie tief. «Was Daion dir erzählt hat, Vater, stimmt so nicht ganz. Der kleine Mann ist besessen davon, dass er eines Tages ein König sein wird. Er kann den Gedanken kaum loslassen. Ich habe nur versucht ihm klarzumachen, dass jedes Leben einen Beitrag zu etwas Grösserem leisten kann, selbst wenn es nur das einer überflüssigen Prinzessin aus einem Volk von Wilden ist.»

Äusserlich reagierten die beiden Männer in der typischen passiven Art der Asjadai auf ihre Verbitterung. In ihrem Geist fühlte sie die tröstende Berührung ihrer Gedanken – und die sachte Aufforderung weiterzusprechen.

Tantan seufzte. Einst hätte sie sich ohne nachzudenken in den Mittelpunkt gedrängt und das Wort an sich gerissen. Heute brauchte es Überwindung. «Wenn ich euch von jener schlimmen Zeit vor sechs Jahren erzähle, dann wirklich alles, auch jenen Teil, den ich Daion verschwieg. Und ich werde über Sinjhar sprechen und über unser menschliches Erbe.»

Damion rutschte etwas tiefer in seinen Sessel und legte sich seinen Enkel bequemer zurecht. «Je später du damit beginnst, desto länger dauert es.»

Er meinte es nicht so schroff, wie es klang. Seine Gedanken verursachten einen spielerischen Wirbel in ihren, eine Art geistiges Kitzeln. Er war neugierig und ungeduldig, zwei weitere Wesenszüge, die bei den Asjadai nicht allzu oft vorkamen.

Tantan atmete tief durch. «Dann lasst mich mit den Rahmenbedingungen beginnen. Was es bedeutete ein Königskind des Volks der Arrya und spezifisch ein Kind von König Sorar Arreidas zu sein.»

Die ersten Kinder

Mein Zwillingsbruder Sinjhar und ich wurden vor vierundzwanzig Jahren geboren, fast als erste Kinder in der neuen Heimat der Menschen. Nur Marcin Artum ist etwas älter, einige wenige Nächte oder Wochen.

Unsere alte Heimat Arriada – das Land der Arrya – war im Feuerregen untergegangen. Meine Vorfahren flohen auf Schiffen, mit denen sie durch das Weltengefüge segelten. Zwanzig Jahre lang suchten sie nach einer neuen Heimat – einer Welt, in der immer sanftes Zwielicht herrschte und sie deshalb bleiben konnten. Hier wurden sie schliesslich fündig, in den wilden Wäldern dieses Landes.

Zur Ehrung von Eriann Artum nannten sie es «Erriada». Als Ratgeberin und Gewissen unseres Königs hatte sie auf der langen Reise fast Übermenschliches geleistet und es durch ihre Weisheit immer wieder geschafft, dass unser Volk nicht unterging. Hier sollte das Leben neu beginnen.

Weil in den letzten Jahren der Suche die Geburten völlig ausgesetzt hatten, klaffte ein beträchtlicher Altersunterschied zwischen uns dreien und den anderen Kindern. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es zwei Jungen und drei Mädchen, die alle zwischen fünf und zwölf Jahre vor uns geboren wurden. Alle befanden sich schon in der Ausbildung zu ihrer Berufung und waren nicht an uns interessiert.

So blieben Marcin, Sinjhar und ich für uns. Meist passte Mutter Barga auf uns auf, während die anderen Erwachsenen ihren Tätigkeiten nachgingen. Als Weberin arbeitete sie zur Warmzeit vor ihrer Baumwohnung, die wegen des Webstuhls die grösste im ganzen Dorf war, in der Frostzeit darin. Mutter Patri, von Berufung Färberin und Näherin, leistete ihr jeweils Gesellschaft, wenn sie Kleidungsstücke fertigte.

Leider habe ich die Vornamen der beiden Frauen vergessen, wie auch den meiner eigenen Mutter, die ihr Leben als bleicher Schatten neben meinem übermächtigen Vater fristete und irgendwann einfach nicht mehr da war.

An jene Zeit in Mutter Bargas Baumwohnung erinnere ich mich aber noch genau – etwa von dem Moment an, als ich krabbeln konnte und mich mit Marcin und Sinjhar um die Fellstücke balgte, die Mutter Patri uns zuwarf.

Wir drei waren die besten Freunde. Mein Bruder war damals noch völlig unverstellt – gleichermassen liebevoll und liebesbedürftig. Ich galt als wildes, kaum zu bändigendes Kind. Beide waren wir fasziniert von Marcin, der unglaublich gut roch, so ganz anders als wir oder auch die erwachsenen Menschen. Wir begriffen damals noch nicht, dass er anders ist, dass seine blaugraue Haut, seidenweichen schwarzen Haare und gelben Augen auf dieser Welt einzigartig sind. Stattdessen reagierten wir auf etwas in seiner Ausstrahlung, das wahrscheinlich seine spätere Eignung zum Anführer vorwegnahm. Bei ihm fühlten wir uns geborgen. So wie auch die Baumwohnung von Mutter Barga ein geschützter Ort war, wo uns nichts passieren konnte.

Ich war immer glücklich, wenn ich bei ihr und Mutter Patri sein durfte, obwohl die Frauen sich kaum um uns kümmern konnten. Beide mussten sehr hart arbeiten. Oft bluteten Mutter Patri zu Beginn der Dunkelzeit vom Nähen die Finger und Mutter Barga konnte sich nach all der Zeit am Webstuhl kaum mehr aufrichten. Trotzdem lachten und scherzten sie, während sie sich leise miteinander unterhielten.

Ihre Stimmen wiegten mich in den Schlaf, wenn ich mit Marcin und Sinjhar auf den Fellen unseres Lagers lag, ineinander verknotet wie ein Wurf junger Wölfe, oder schalten mich, wenn ich meinen Bruder im Spiel zu derb an den Haaren zog.

Später wünschte ich mir oft, dass diese Zeit nie geendet hätte, obwohl Sinjhar und ich am Ende jeder Lichtzeit in die kalte und düstere Baumwohnung unseres Vaters zurückkehren mussten. Dort schliefen wir dann auf einem Lager aus Fellen und Tüchern, während der König den blassen Schatten angiftete, der damals noch unsere Mutter war.

Marcin hatte es etwas besser: Er lebte in einer Baumwohnung mit seiner Grossmutter Eriann und seiner Mutter Elyana, allerdings seltsamerweise ohne seinen Vater Harra Sovhar. Aus irgendeinem Grund zog der Mann es vor, allein in einer Baumwohnung zu leben und sich nicht um seinen Sohn zu kümmern.

Wir konnten schon fast laufen, als ein unglaublich heftiger Schneesturm das Land zu zerreissen schien. Er kam mitten in der Dunkelzeit und riss Sinjhar und mich aus dem Schlaf. Als kleines Kind schien es mir, als würde die Heimat in unvorstellbarem Chaos und Lärm untergehen.

Heute habe ich Worte, um das Erlebnis zu beschreiben: Der Sturm glich nichts so sehr wie einem Erdbeben, nur dass er nicht aus der Erde kam, sondern vom Himmel, und mit aller Macht auf uns herabzupressen schien.

Die Wälder – unsere herrlichen Bäume – schrien vor Schmerz, während die Wirbelwinde sie aus der Erde zerrten und mit markerschütterndem Krachen wegschleuderten oder ihnen, wenn sie sich widersetzen konnten, die Äste ausrissen. Noch lange, nachdem das Chaos endlich vorbei war, weinte das Land. Es war furchtbar und verstörend.

Der Sturm tobte mehrere Nächte lang. Von Sinjhar sah ich die ganze Zeit nicht einmal die Nasenspitze. Er hatte sich zitternd unter den Fellen unseres Lagers versteckt.

Als das Wetter sich endlich beruhigte, wartete ich bei Mutter Barga ungeduldig auf Marcin. Mutter Patri war bei ihr und die Frauen wisperten unentwegt, mit wachsamen Blicken zu mir und Sinjhar hin. Ich machte mir Sorgen, wobei diese meinem Alter entsprechend eher die Form von tiefer Verunsicherung annahmen. Wie zu Sinjhar hatte ich auch zu Marcin eine besondere Verbindung, fühlte sogar manchmal, was er fühlte. So wusste ich, dass etwas Wichtiges geschehen war.

Endlich brachte ihn jemand vorbei. Es war jedoch nicht wie sonst meist Elyana Artum, Marcins kränkliche Mutter, sondern Harra Sovhar, sein sonst so teilnahmsloser Vater. Er war ein stiller, schmal gewachsener Mann, der sich nie in den Vordergrund drängte. Auf seinen Armen trug er Marcin und ein kleines Bündel.

Er setzte Marcin auf den Boden und gab ihm das Bündel. Dann ging er, ohne auch nur ein Wort zu den erwachsenen Frauen zu sagen. Trauer und andere, ähnlich heftige, dunkle Gefühle wogten um ihn in einer finsteren Aura.

Neugierig krabbelte ich, so rasch es ging, zu Marcin. Sinjhar befand sich etwas vor mir. Als er Marcin fast erreicht hatte, hielt dieser das Bündel schützend und gleichzeitig unendlich vorsichtig an seine Brust und drehte sich von uns weg.

Ich versuchte, ihn über unsere besondere emotionale Verbindung zu erreichen, sandte ihm Wärme und Freundschaft. Sinjhar tat es mir gleich. Langsam löste die Mauer, in die Marcin sein Bewusstsein eingeschlossen hatte, sich auf und wir fühlten die neue, unbekannte Präsenz in seinem Geist.

Endlich zeigte er uns auch das Bündel. Es war ein winzig kleines Menschenkind, ein Junge, in eine dünne Decke gehüllt. Alles an ihm war weiss und silbern – ganz so, als wäre er aus Schnee und Sternenlicht geboren.

Ich berührte vorsichtig seine Wange. Da öffnete er die Augen und wir konnten nur staunen. Für mich schien es, als würde ich in die Ewigkeit schauen.

«Das ist eine ganz alte Seele», sagte plötzlich Mutter Patri unerwartet nah. Als ich hochschaute, stand sie direkt hinter mir und beobachtete uns Kinder aufmerksam, Mutter Barga an ihrer Seite.

Jene zog die Mundwinkel nach unten. «Wenn der Balg denn tatsächlich eine Seele hat und kein Dämon ist. Immerhin hat er mit seiner Geburt seine Mutter getötet.» Ihr Blick schweifte über uns, blieb an Marcin hängen, der sie wachsam beobachtete. «Hier in diesem Land ist alles fremd. Kinder, noch kein Jahr alt, deren Augen uns schon so wissend anschauen, als wären sie erwachsen. Die noch nicht einmal gehen können, aber ihre Bewegungen fast wie Erwachsene kontrollieren und schon wissen, was Zärtlichkeit ist. Wohin soll das nur führen?» Sie legte die Hand auf ihren Bauch, der sehr rund war. Sorgen zerfurchten ihr Gesicht. «Der Heiler sagt, mein Kind wird blind sein. Vielleicht schadet uns dieses Land. Vielleicht hätten wir nie hierbleiben dürfen.»

Mutter Patri, ebenfalls hochschwanger, legte ihr den Arm um die Schultern. «Es ist, wie es ist. Hier haben wir zu essen und eine geschützte Bleibe. Du wirst sehen: Alles kommt gut.»

Und so war es auch. Damals gab es noch eine Amme im Dorf, die letzte ihrer Berufung. Sie nährte Joshi, der sonst ohne Mutter verhungert wäre. Er war unglaublich zierlich, nur ein Bündel zerbrechlicher Knochen.

Jenna Jinell aus der Familie der Heiler, die kurz nach ihm zur Welt kam, wirkte geradezu stämmig neben ihm. Dann folgten immer mehr Kinder in rascher Folge.

Mutter Barga brachte ihre Tochter Ilenia zur Welt, die wie vom Heiler prophezeit blind war, Mutter Patri ein Mädchen namens Sara. Mit Tara Inrelli aus der Familie der Lehrer und Xinea Laangaard aus der Familie der Bäcker, die nicht lange auf sich warten liessen, waren wir schliesslich zu neunt. Und alle völlig verschieden.

Marcin konnte kaum stillsitzen. Andauernd war er in Bewegung und immer dabei, etwas zu beobachten oder erforschen.

Einmal zur Warmzeit muss ich beim Spielen eingenickt sein und wurde von einem Schrei «Marcin, bist du wahnsinnig!» aus dem Schlaf gerissen. Als ich mich erschreckt in der Baumwohnung umschaute, entdeckte ich Marcin, der bei Mutter Bargas Webstuhl kniete und sie aufmerksam beobachtete. Er war damals vielleicht zweieinhalb Jahre alt. Alle anderen Kinder sassen im Halbkreis hinter ihm.

«Hast du sie noch alle? All das gute Garn! Das ist jetzt alles verloren …» Plötzlich stutzte sie und begutachtete ihren Webstuhl genauer. Ich konnte nichts Ungewöhnliches entdecken. Er sah aus wie immer, wenn sie ihn neu bespannt hatte.

Das erkannte auch Mutter Barga und ihr klappte die Kinnlade runter. «Hast du das durchs Zuschauen gelernt?», fragte sie etwas atemlos.

Marcin nickte.

Mutter Barga schüttelte nur ungläubig den Kopf. «Tu das nie wieder, Marcin. Das ist nicht deine Berufung und gehört sich nicht. Aber nun, da das gesagt ist: Danke!» Sie ging zu ihm und hob ihn in ihre Arme.

Er erwiderte die Umarmung. «Du kannst sagen, wenn ich dir helfen soll. Dann gehst du raus und tust so, als ob du nichts merkst. Und wenn du zurückkommst, ist es gemacht.»

Mutter Barga presste ihn mit einem Schluchzen an sich und verbarg das Gesicht in seiner Halsbeuge. Sie machte keinen Laut, aber ihre Schultern zuckten. Damals wunderte ich mich darüber, weil Marcins Angebot lieb gemeint war. Erst später verstand ich den immensen Druck, den der Überlebenskampf auf die Erwachsenen ausübte.

Sinjhar war der Ruhige von uns, wenn auch nicht freiwillig. Er hatte von Geburt an einen überaus gravierenden Sehfehler. Eins seiner hübschen grünbraunen Augen, das linke, war milchig und stark eingedreht. Wenn er nach rechts schaute, verschwand die Iris ganz hinter dem inneren Augenwinkel und nur der weisse Augapfel blieb sichtbar, was recht gruselig aussah. Als Folge dieser Behinderung konnte er Distanzen nur schlecht abschätzen, lief in Dinge rein oder verlor unerwartet das Gleichgewicht und verletzte sich andauernd.

Der Vergleich mit uns anderen, gesunden Kindern war bitter für ihn, selbst als wir erst spielten und noch nicht jagten. Während der Schlafenszeit, während wir aneinandergekuschelt in unserem Bett lagen und er mich schlafend wähnte, weinte er oft.

Wenigstens gab ihm unsere Gruppe keinen weiteren Anlass dazu. Schon in jenen jungen Jahren duldete Marcin keinen Spott über Andersartiges – sei es Sinjhars Sehfehler, Ilenias Blindheit oder auch Joshis Blässe. Aber er tat noch mehr. Einmal, nachdem Sinjhar sich wirklich schlimm gestossen hatte und Blut, Rotz und Tränen in Strömen sein Gesicht und seine Brust hinabliefen, ging Marcin zu ihm, umarmte ihn einfach und sagte: «Sini, du bist völlig in Ordnung, so wie du bist. Es gibt keinen Grund für dich, anders zu sein.»

Er konnte nicht ahnen, welches Geschenk er damit meinem Bruder und auch mir machte. Die Anschuldigung des Königs, dass wir mangelhaft waren, zog sich wie ein roter Faden durch unsere gesamte Kindheit. Aber dazu komme ich später. Jetzt ist die Zeit für die schönen Erinnerungen und nicht die Dunkelheit.

Nach jenem Erlebnis gab Sinjhar den Versuch auf, sich mit uns anderen zu messen, und kümmerte sich um die kleineren Kinder, was sehr gut ging. In seiner Reichweite, solange er tasten konnte, merkte man seine Behinderung kaum. Stundenlang sass er mit den Säuglingen im Arm da, ein glückliches Lächeln auf seinem Gesicht, ob sie schliefen oder herumzappelten, oder er brachte den etwas älteren Kindern das Laufen bei. Er wäre ein wunderbarer Vater, auch wenn es wenig wahrscheinlich scheint, dass es je dazu kommt.

[…]

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