Der Zigeunerwagen wird geliefert

Nach einer Wartezeit von mehreren Monaten traf der Zigeunerwagen heute ein. Wie stets beim Bauen kam alles ganz anders als ursprünglich geplant.

Der Zigeunerwagen an einem frostigen Morgen

Es ist geschafft!!! Der Wagen steht an seinem Platz, auf dem er während der Bauzeit stehen wird, und wir sind einfach nur nudelfertig. Denn natürlich lief alles ganz anders als geplant und alles Mögliche ging schief.

Die ursprüngliche Abmachung

Die Herausforderung bei diesen Wagen ist, dass sie keine Strassenzulassung haben. Man kann sie auch nicht einfach mal rasch auf einen Tieflader schieben, irgendwo hinfahren und den Wagen dann einfach mal wieder schnell von Hand runterziehen. Denn sie sind hoch, weshalb sie ohne Räder transportiert werden, wirklich schwer und anders als bei einer Kutsche gibt es keine Bremsen. Und zu all dem ist der Lastwagen, der sie bringt, auch noch 18 Meter lang.

Unsere ursprüngliche Abmachung lautete, dass der Lastwagen bei uns in die Strasse fährt, wo die Räder montiert werden. Dann sollte jemand mit einem starken Fahrzeug – idealerweise ein Bauer mit einem Traktor – den Wagen vom Tieflader ziehen und auf unser Grundstück schieben.

Der Tieflader steht vorne auf der Strasse

Die Anlieferung des WagensIn den letzten Stunden vor der Lieferung erfuhr dann diese Vereinbarung noch ihre Metamorphosen. Am Ende stand der Lieferwagen vorne auf der Durchgangsstrasse des Quartiers und wir daneben.

Es war eigentlich eine ausgezeichnete Lösung: Der Fahrer des Tiefladers hatte sein langes Gefährt so platziert, dass alle Verkehrteilnehmer noch problemlos durchkamen, sowohl Autos wie auch Fussgänger. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas auf unseren engen Strassen überhaupt möglich ist.

Dafür bekam Gott und die Welt und wahrscheinlich noch die Hälfte der ausserirdischen Bewohner unseres Universum das Abladen mit. Es wurden für uns zwei sehr lange Stunden.

Die unfreiwillige Managementübung

Die Mittagszeit war gerade vorbei. Entsprechend zahlreich waren Autofahrer und Fussgänger unterwegs. Alle starrten. Manche Autofahrer reagierten sauer. Welche eine Frechheit, wenn man kurz bremsen und ein Stück weit auf den Gehsteig ausweichen muss!

Fussgänger, Erwachsene wie Kinder, staunten oder kommentierten. Eine Frau blieb mit dem Auto sogar direkt neben dem Tieflader stehen, rief aus: "Ist der schön!", und wollte mit den Transporteuren plaudern.

Ich fühlte mich wie an einer jener Managementübungen, bei denen man sich öffentlich zum Idioten machen muss, um die notwendige Härte für Führungsjobs zu entwickeln. Puh!

Eine verbogene Deichsel …

Die verbogene DeichselDas eigentliche Runterziehen vom Tieflader mit einem gigantischen Traktor beobachtete ich dann nicht mehr und ging schon voraus zum Standplatz.

Seit ich wusste, wie diese Wagen geliefert werden, hatte ich mich heimlich davor gefürchtet, dass er beim Abladen seitlich vom Tieflader fallen könnte.

Wie in solchen Fällen üblich passierte dann etwas ganz anderes: Der Traktorfahrer hängte die Deichsel bei den vorderen, relativ hoch gelegenen Kupplung seiner Maschine an und nicht an der eigentlichen Anhängerkupplung hinten.  Er fuhr also rückwärts, wahrscheinlich mit der Idee, mit den grossen Hinterrädern besser Gegendruck geben zu können.

Und drei der Männer, die um das sichere Abladen besorgt waren, schauten seelenruhig zu, wie er den Wagen auf die Deichsel auflud und diese knickte.

… und Pneuspuren am Holz

Ob ich es gesehen hätte, wenn ich dabei geblieben wäre? Keine Ahnung. Auf unseren Fotos ist jedoch anhand von Farbspuren zu sehen, dass der Rahmen des Wagens schon beim Aufladen in der Fabrik an der Deichsel gerieben haben muss. Ihre Länge ist also sicher sehr sparsam bemessen und macht das Auf- und Abladen dadurch nicht leichter.

Durch den Knick wurde die Deichsel jedenfalls nochmals kürzer und die grossen Pneus des Traktors hinterliessen zwei handtellergrosse Flecken mit schwarzem Pneuabrieb auf dem Holz des Wagens. Ich darf mich also zusätzlich zu den Farbschäden am Lack des Rahmens ans Reinigen und Retuschieren der Holzlasur machen. Aber beides kann ich recht gut.

Am Ende steht der Wagen schief

Es war geplant, den Wagen so aufzustellen, dass dahinter ein Meter Platz bis zur Hecke bleibt, damit wir noch bequem darum herumlaufen können.

Durch die geknickte Deichsel fuhr der Wagen genau andershum als besprochen in unsere Strasse, wodurch das Rangieren viel schwieriger wurde und er näher an die Hecke geriet als geplant. Der Fahrer des Traktor rangierte ein wenig und die Räder des Wagens begannen sich im Kies einzugraben, der an dieser Stelle nicht im gleichen Masse verdichtet war wie beim vorgesehenen Standplatz.

Wir mussten entscheiden, was wir tun wollten (mal abgesehen vom Nervenzusammenbruch, der zu diesem Zeitpunkt keine konstruktive Option schien). Am Ende liessen wir den Wagen dort, obwohl er so schief steht, dass man aus dem Bett rollen würde. Das kann dann ein Wagenheber an einem anderen Tag richten.

Fazit eines anstrengenden Tages

Soviel zu unseren heutigen Erlebnissen. Ist es ein Wunder, dass wir am liebsten nur noch schlafen möchten?

Trotz all dem erlebten Durcheinander und unseren strapazierten Nerven möchten wir eins festhalten: Wie die Wägen, die wir während der Evaluationsphase besichtigen durften, ist auch unser Wagen ein wunderschönes Beispiel des  Kunsthandwerks. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass er jetzt uns gehört und wir bald darin leben dürfen.

 

Nachtrag 30.11.2016:

Am Abend des Liefertages haben wir uns noch lange gefragt, ob der Tag ein Erfolg oder eine Katastrophe war. Inzwischen wissen wir die Antwort: Wie der Bau eines Hauses ist auch jede Lieferung und jedes Aufstellen eines solchen Wagens ein eigenes Projekt. Was heute geschehen ist, lässt sich mit etwas Arbeitseinsatz und Farbe beheben. Wenn wir auch beim Neubau so gut durchkommen, haben wir wirklich Glück gehabt!

 

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