Der erste Abend im Zigeunerwagen

Der Umzugstag verlief erfolgreich. Doch was soll man vom Abend halten?

Unser bis zum Dach gefüllter Container

Als wir am Abend des 13. Februar in unserem neuen Zuhause sitzen, können wir eine positive Bilanz ziehen:

Zwar war der Abschluss unseres Umzugs ein ziemliches Chaos, aber als es dunkel wurde, war alles verstaut – entweder

  1. im Container, den wir bis auf den letzten Kubikmeter gefüllt haben,
  2. im Wohnwagen, wo wir zwar den Boden nicht mehr sehen, aber wenigstens alles im Warmen und Trockenen ist, oder
  3. unter dem Wagen, wo sich viel vor Regen geschützter Stauraum bietet.

Bezüglich Lösung 3 wird sich zeigen müssen, ob man Katzensand, Klopapier und Papiertaschentücher im Winter in einer Aufbewahrungsbox aus Plastik draussen lassen kann oder nicht. Ich denke allerdings schon. Kalte Luft enthält wenig Feuchtigkeit.

Ein positives Fazit

Der Tag verlief alles in allem sehr gut. Alle Versorger haben sich grosse Mühe gegeben, dass wir in unserem Wohnprovisorium so rasch als möglich Strom, Wasser und einen Glasfaseranschluss hatten. Zwar war das Wetter mit der merkbaren Bise sehr kalt, aber es hat zum Glück keinen Moment geregnet.

Auch im Wagen scheint alles mit Ausnahme der Klospülung zu funktionieren, so dass wir halt mit einer Garten-Giesskanne spülen, die wir in der Dusche immer wieder auffüllen. Offenbar hat sich im Spülkasten der Schwimmer verhakt – ein typischer Transportschaden. Auch ein Schwertransporter schleicht nicht wie eine Schnecke über die Autobahn, so dass so etwas rasch einmal passieren kann.

Wir würden das Problem gerne selbst beheben, bekommen aber beim Spülkasten den Deckel nicht ab. Das ist ein Thema für einen anderen Tag.

Todmüde und ausgehungert

Nun sind wir hundemüde und sehr hungrig, denn gegessen haben wir vor Aufregung kaum etwas. Als erstes stossen wir mit einem Glas Fruchtsaft auf unseren erfolgreichen Tag an. Danach koche ich eine Päcklisuppe (auf hochdeutsch "Tütensuppe") und schneide etwas Brot auf. Diese Komplexität bekomme ich heute gerade noch hin.

Eine halbe Stunde nach dem Essen schiesse ich mit einem Oh-oh! auf und sehe über die Kloschüssel gehängt alles wieder. Die Aufregung …

Und vielleicht war Eierschwämmli-(dt. Pfifferling)-Crème als Päcklisuppe auch nicht die beste Wahl, denn diese liegt mir schon unter normalen Umständen ziemlich mau im Magen.

Und dann frieren wir auch noch

Schliesslich ist es acht Uhr abends und wir sitzen etwas verloren da. Mein Liebster macht ein unglückliches Gesicht. "Hier drin ist es kalt!", sagt er im Tonfall eines konstruktiven Feedbacks, wofür ich ihm dankbar bin. Todmüde, wie er ist, ginge es auch quengelnd.

Und er hat recht. Im WC ist es angenehm warm, aber im Wohnbereich bleibt unser neues Zuhause kalt, obwohl wir, gleich nachdem wir Strom hatten, die Heizungen eingeschaltet hatten.

"Dann stimmt noch etwas nicht", sage ich. "Diese Wagen kann man das ganze Jahr über bewohnen. Lass uns in der Bedienungsanleitung nachschauen."

Auf der Suche nach der Bedienungsanleitung

Das ist einfacher gesagt, als getan. Selbstverständlich hatten wir die gedruckte Bedienungsanleitung der Heizung für den Umzug auf einem Papierstapel bereitgelegt, damit wir sie im Zigeunerwagen ja auch wieder finden.

Wo in unserem riesigen Durcheinander dieser Stapel sich im Moment befindet, haben wir allerdings keine Ahnung. Es könnte genauso gut im Container wie in der Roulotte sein. Aber in weiser Voraussicht habe ich auch das PDF auf meinem Computer gespeichert.

Und siehe da: Die Heizung verfügt über einen Temperaturwahlknopf! Da hätten wir auch gleich darauf kommen können. Allerdings sind die Werte weiss auf hellgrau angeschrieben, was wir mit unseren müden Augen schlicht nicht bemerkt haben.

Als wir den Knopf von den zuvor eingestellten 13 Grad hochdrehen, setzt die Heizung ein und es wird schon fast gemütlich warm.

Plötzlich ist es zu heiss

Für die erste Nacht an einem neuen Ort schlafen wir sehr gut – bis so gegen drei Uhr. Um diese Zeit schiesst mein Liebster japsend aus dem Schlaf auf: "Heiss … Sauerstoff … Wasser …"

Tatsächlich fühlt sich der Wagen an wie ein Backofen. Wir haben vergessen, beim Schlafengehen die Heizung zurückzustellen, die wir ein klein wenig  zu hoch eingestellt hatten, weil wir so froren. Und der Wagen ist besser isoliert als unser altes Haus. Dort strich uns im Bett bei geschlossenen Fenstern die Zugluft über das Gesicht.

Wir klettern aus dem Bett, reissen die Fenster auf und trinken wie die Verdurstenden – und wir reduzieren die Heizleistung.  Der Rest der Nacht verläuft friedlich.

Zensieren oder nicht?

Während ich das schreibe, schüttle ich den Kopf über mich selbst und überlege mir immer wieder, ob ich dieses oder jenes Detail nicht doch zensieren soll. Aber das ist unser Tagebuch und die Erinnerungen werden verblassen.

Beim nochmaligen Durchlesen des Textes gleicht der Abend eher einem Albtraum als dem Ende eines erfolgreichen Tages und ich wundere mich: Ich bin normalerweise sehr strukturiert, kontrolliert und vorausschauend. Wann wurde aus mir so eine Chaotin?

2 Gedanken zu „Der erste Abend im Zigeunerwagen“

  1. Ihr Lieben. Falls Ihr mal gerne ein feines Nachtessen geniessen möchtet ausserhalb Eures Zirkuswagens, dann seid Ihr herzlich bei uns willkommen. Anruf genügt.
    Lueber Gruss von allen
    Conny

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.